Arrivederci Italia, Γεια σας Ελλάδα

von Manuel Wassenberg

Gut eintausend Kilometer sind seit unserem letzten Bericht in Italien vergangen. Eintausend weitere Kilometer in einem vielfältigen Land – oder sollte man besser von zwei Ländern, zwei Mentalitäten sprechen, die eine unbeschriebene aber deutlich spürbare Grenze südlich von Rom teilt? Vermutlich schon. Nur die wenigsten Länder wirken auf Außenstehende wie eine homogene Einheit, ein Einheitsbrei. Auch bei uns in Deutschland sollten selbst von chinesischen Pauschaltouristen die (meines Erachtens nach) erheblichen Unterschiede zwischen einem bayerischen Kuhkaff und einem hippen Berliner Kiez wahrgenommen werden. Das hoffe ich zumindest. Dass aber der Wechsel von Nord- nach Süditalien (und das trotz unserer verhältnismäßig langsamen Reisegeschwindigkeit!) so schlagartig und eindringlich sichtbar wurde und die Einstellung zur Umwelt so verschieden sein kann, war für uns überraschend. Aber eins nach dem anderen.

Den Pausentag in Florenz hatten wir bitter nötig. Müde Beine, ein geschundenes Knie und ein großer Haufen klammer und daher besonders stinkender Wäsche wollten behandelt werden. Leider ist dies mit ausgedehnten Stadtrundgängen und Besuchen der zahlreichen Museen nur schwer vereinbar, insbesondere bei fast durchgängigem Regen. Ohne zu übertreiben: Nach gut zwei Stunden in der Altstadt des „Athen Italiens“, von denen eine dreiviertel Stunde auf den Besuch bei einem chinesischen Imbiss entfielen, kehrten wir zurück ins paradiesisch klingende Hotel „Arno Belariva“ und machten damit weiter, wovon wir uns vor unserer großartigen Stadterkundung nur schwer losreißen konnten: Bett und Bier! Durch diesen Kurzbesuch der Stadt wurde uns wieder einmal vor Augen geführt, dass ein Pausentag für Regeneration und Kultur bei weitem nicht ausreichend ist. Zu sehr sehnen sich Kopf und Körper danach das Gesehene und Gefahrene zu verarbeiten. Am besten in der Horizontalen. Rückblickend hätte die Stadt ohne Zweifel einen weiteren Tag verdient, diesen wollten wir uns aber für Rom aufheben. Gut, daraus wurde natürlich auch nichts.

Ursprünglich hatten wir uns vorgenommen von Florenz aus durch die hügelige Toskana via Siena nach Rom zu fahren. Da Pavels Knie jedoch weiterhin schmerzte (und das sollte sich leider bis zu seinem Rückflug aus Neapel nicht ändern) wählten wir eine möglichst flache Route, die uns über Arezzo und den Bolsenasee führen sollte. Landschaftlich wenig spektakulär; dafür kamen wir trotz wechselnder Windverhältnisse und dem ein oder anderen Höhenmeter recht gut voran. Hinter Arezzo durften wir nach einer arschkalten Nacht (3°C, Italien, Mitte Mai, meine Güte!) vormittags nach langer Pause sogar einen leichten Rückenwind an unserer Seite begrüßen. Welch eine seltene Ehre! Paradoxerweise führte dies jedoch zu einem besonders zähen und langen Tag, da aufgrund des guten Vorankommens eine Übernachtung am Lago di Bolsena plötzlich zum Greifen nah war. Um die verbleibenden Kilometer und die Anstiege bis zum Nordufer (auch im Sinne des lädierten Knies) noch etwas zu drücken, folgten wir einer interessant wirkenden Abkürzung auf Google Maps, die uns aber schnurstracks über Ziehwege ins Hinterland führte. Wenig später mussten wir ein schlammiges Feld, ein paar zackige Anstiege und einen Bachdurchquerung hinter uns bringen. Zum Abschluss durften wir dann unter höchstem körperlichem Einsatz unsere Räder einen verdammt steilen Hügel hochwuchten.

Ein nettes Abenteuer, wenn man sonst nichts zu tun hat. Pavels Knie fand unseren Ausflug sicherlich auch genial. Trotz unserer Abkürzung (die den Namen nicht verdient hat) erreichten wir den See erst nach Sonnenuntergang. Einstimmig strichen wir spontan den Pausentag in Rom und entspannten noch einen weiteren Tag am See.

Unsere Besichtigungen in Rom beschränkten wir daher auf das Wesentliche: Pantheon, Trevi-Brunnen, Spanische Treppe, Circus Maximus und das Kolosseum. Pizzaessen in einer Touri-Pizzeria. Fahrradfahren im kleinsten Staat der Welt. Check. Ich für meinen Teil kann den Besuchen solcher Touristen-Magneten nicht viel abgewinnen. Ich fühle mich dann immer wie ein Fremdkörper, der sich nur durch seine bloße Anwesenheit negativ auf Flair und Stadtbild auswirkt. Ich kann aber nicht leugnen, dass es mir schon ein Grinsen ins Gesicht zauberte vom gepackten Rad aus auf das Kolosseum zu blicken – auch als einer von Vielen.

Aus Rom heraus folgten wir zunächst der als Fahrradroute ausgewiesenen Via Appia Antica. Der Name allein hätte jeden stützig machen müssen. Uns Deppen natürlich nicht. Spätestens beim wirklich antiken Fahrbahnbelag war diese Via nicht mehr befahrbar. Als das „Pflaster“ schließlich nur noch aus Zementsackgroßen Quadern bestand mussten wir aufgeben und auf die Hauptstraße ausweichen. Die römischen Routenplaner fahren wohl gerne Mountainbike.

Wenige Kilometer hinter dieser Holperpassage begann plötzlich Müll das Landschaftsbild zu prägen – am Straßenrand und auf vielen kleinen Deponien auf bewirtschafteten Feldern. Mein erster (zugegeben naiver) Gedanke war, dass heute wohl ein allgemeiner „Dreck-Weg-Tag“ sein muss, um über das Jahr hinweg achtlos hinausgeworfenen Müll akribisch am Rand für die Abholung bereitzulegen. Dafür sprachen auch einige Leute auf einem Feld, die Müll am Straßenrand „sammelten“. Vorbildlich, diese Italiener! Nach wenigen weiteren Kilometern war aber klar, dass hier „Dreck-Weg-Tage“ keine große Popularität haben und – so meine Vermutung – auch niemals haben werden. Hier wird einfach eiskalt auf kürzestem Wege im Straßengraben oder auf Nachbars Feld „entsorgt“.

Von nun an waren mit wenigen Ausnahmen enorme Müllmengen unsere ständigen Begleiter. Besonders traurig: Die vielen illegalen Mülldeponien. Auch die Straßen waren zum Teil in einem beklagenswerten Zustand. Schlaglöcher, Flicken, Bodenwellen. Überfahrene Tiere die nicht weggeräumt werden und den Vorbeifahrenden in der Nase kitzeln. Prostituierte am Straßenrand – bis Brindisi keine Seltenheit. Immer häufiger verlassene bzw. verwahrloste Häuser und Anwesen. Das liebenswürdige Castel Volturno (das in den letzten Jahren zu einer kleinen Kolonie afrikanischer Flüchtlinge geworden ist) vereinte dann vieles zuvor Genannte. Mein Gott, was haben wir hier bloß verloren? Das fragte sich auch eine Gruppe junger Schwarzafrikaner, denen ein am Straßenrand wartender Pavel missfiel. Glücklicherweise hielt einer der Boys seine wenig erfreuten Kollegen davon ab handgreiflich zu werden.

Zwar nahm bis zum Erreichen Neapels der Anteil von Menschen helleren Hauttyps wieder zu – auf die weiterhin vom Müll versauten Landschaften scheint das aber keinerlei Einfluss zu haben. Mit gemischten Gefühlen fuhren wir daher in das am Berghang liegende Neapel ein, wo wir uns in einem ehrlichen Apartment in einer ausgesprochen authentischen Altstadtgasse einquartierten. Die ersten Meter am Abend in den abschüssigen Gassen fühlten sich an, als wären wir in einen Film versetzt worden. Müll, Krach, sich ohne Helm durch jede Lücke quetschende Rollerfahrer, Hupkonzerte, voll behangene Wäscheleinen an den von Lack abblätternden Balkonen, mittendrin spielende Kinder. Pavel sagte, wenn irgendwo in Europa nochmal die Pest ausbräche, dann genau hier. Den Eindruck kann man haben. Spätestens am nächsten Tag bei Tageslicht und Sonnenschein bekamen wir aber ein Neapel zu sehen, dass sich weitaus weniger dreckig präsentierte – insbesondere auf den Hauptstraßen. Der erste falsche (?) Eindruck bleibt jedoch haften. Wenn ich ehrlich bin gefällt er mir sogar.

Für viel Erholung sollte jedoch in Neapel nicht viel Zeit sein, denn es galt in dieser ausgesprochen fahrradunfreundlichen Stadt einen Fahrradkarton zu organisieren und für den Abflug vorzubereiten. Dass man hier überhaupt als Fahrradhändler überleben kann ist bewundernswert. Obwohl zwischenzeitlich wenig optimistisch fanden wir schließlich einen Karton, den wir quer durch die Stadt schleppen durften. Am Ende des Tages hatten wir durch unsere Kartonsuche rund fünfzehn Kilometer auf dem Tacho – diesmal zu Fuß.

Nachdem alles verpackt und für den Abflug vorbereitet war gab es zum Abschied – wie könnte es in Italien anders sein – Pizza. Hier sei gesagt, dass uns die vielfach beworbene neapolitanische Pizza nicht überzeugen konnte. Entweder waren wir zufällig in zwei sehr schlechten Pizzerien, oder die Neapolitaner essen einfach gerne richtig beschissene Pizza! Letzteres würde uns nach all dem nicht wundern. Laut Pavel war die überteuerte Taxifahrt (wegen „big bicicletti“ – 22€ extra) zum Flughafen auch ein Erlebnis der besonderen Art. Man muss also nicht mit dem Fahrrad anreisen um den chaotischen Verkehr erleben zu dürfen.

Wie man liest hat Neapel einen bleibenden Eindruck bei allen Beteiligten hinterlassen. Wer fürs Wochenende mit dem Flieger anreist, in einem Sterne-Hotel unterkommt und Abends Limoncello an der Promenade schlürft dürfte vermutlich ein anderes Neapel kennen und mit skeptischer Miene vorige Zeilen gelesen haben.

Ab Neapel waren Arne und ich also wieder zu zweit unterwegs. Ab jetzt mit gleichen Rädern und durch Arnes platzbedingter spartanischer Packliste mit jeder Menge Stauraum. Nach einer anstrengenden Stadtausfahrt (Verkehr, beschissene Straßen, Gegenwind) peilten wir zunächst die uns empfohlene Steilküste bei Amalfi an. Nach einem langen aber gut machbaren Anstieg wurden wir schließlich für unsere Mühen mit herrlichen Ausblicken auf das blaue Meer und die schroffen Küsten belohnt. Ein krasser Kontrast zu den vielen hässlichen Dingen, die wir die Tage zuvor sehen „durften“. Illegale Mülldeponien – Fehlanzeige. Ob das wohl etwas mit dem florierenden Tourismus zu tun hat? Gut möglich, denn ab Salerno wird wieder fleißig rumgesaut.

Da wir die Fähre ab Brindisi nehmen wollten mussten wir zum zweiten Mal das sich durch Italien ziehende Gebirge durchqueren. Auch hier wurde uns wieder rein gar nichts geschenkt. Gegenwind, Regen, anstrengende Anstiege. Das Missachten einer (diesmal berechtigten) Straßensperrung wurde gleich doppelt durch zwei weggerutschte Straßensegmente bestraft. Hier war Schieben und Tragen angesagt.

Dabei war die Etappe bis kurz vor Brindisi der Oberkotztag der bisherigen Tour. Da auf der einzigen durchgehenden Straße Fahrräder verboten waren, ließen wir uns vom Navi über Seitenstraßen und Feldwege führen. Für die ersten sieben Kilometer benötigten wir über eine Stunde. Grund: Ein mit Dornen überwucherter Feldweg, der sich später zu einer Schlammpiste entwickelte und eine vollgelaufene Unterführung, sodass mit vereinten Kräften die verdreckten Räder zunächst über Bahngleise und danach über eine Leitplanke gehoben werden mussten. Was haben wir geflucht! Danach flach, hässlich und ein unnachgiebiger Wind aus Südost der sich gewaschen hatte. Die Kraft der sich bewegenden Luftmassen ist immer wieder beeindruckend. Da wir aber die Fähre bekommen wollten stand ein kurzer Tag nicht zur Debatte. Einzige Entschädigung war ein guter und schnell gefundener Zeltplatz in einem Olivenhain. Unsere letzte Nacht in Italien.

Bella Italia? Mal so, mal so. Auch wenn die Beschreibung der letzten Tage sehr negativ klingt gibt es aber auch vieles, das entschädigt. Abgesehen vom Pizza-Reinfall in Neapel sehr gutes Essen. Nette, interessierte und hilfsbereite Menschen, auch wenn kaum jemand Englisch spricht und landschaftlich kann sich unsere gefahrene Route in großen Teilen sehen lassen.

All das liegt aber nun hinter uns und wir blicken bei Sonnenschein, kühlem Bier und sommerlichen Temperaturen auf das klare türkisblaue Wasser Nordgriechenlands. Das soll sich glücklicherweise die nächsten Tage auch nicht ändern. Die restlichen 500 Km bis Athen werden wir zunächst an der Westküste in Richtung Süden fahren. Danach geht es auf direktem Wege nach Athen, wo eine längere Pause (ca. 10 Tage) bei meiner Familie eingelegt wird. Das nächste Update gibt es dann vermutlich nach einigen Tagen Türkei, vielleicht aber auch früher.

Die derzeitige Situation in Iran behalten wir im Auge. Ich bin aber optimistisch, dass sich die Lage (wie so häufig) bald wieder entspannen wird. Aber warten wir ab. Iran ist noch weit entfernt.

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Kommentar von Valerian |

Griechenland sieht schon echt geil aus. Viel Spass mit der Familie, und schade dass der Schnurrbart schon weg ist ;)

Kommentar von Karl |

Schön zu lesende Reiseberichte! Da bekomme ich auch Lust unterwegs zu sein, trotz der Strapazen, die dann oft auf einen zukommen. Nach Tirana wolltest du nicht nochmal?:-) Grüße nach Griechenland oder wo auch immer ihr gerade seid.

Antwort von Manuel Wassenberg

Freut mich! :) Ich habe leider erst viel zu spät gesehen, dass es auch eine Fähre von Brindisi nach Vlora gibt. Hat uns letztendlich auch etwas gewurmt! Tirana gerne wann anders mal ;) Liebe Grüße aus dem Land der traurigen Muezzine!