Aserbaidschan

von Manuel Wassenberg

Zur Info: Leider hat uns keine Nachricht erreicht, die vor dem 23. Juni über das Kontaktformular an uns versandt wurde. All diese Nachrichten sind zudem unwiederbringlich verloren gegangen. Dass Ihr auf eine Nachricht ggf. keine Antwort erhalten habt liegt also schlichtweg daran, dass wir sie nie erhalten haben. Das tut uns sehr leid. Das Problem ist aber mittlerweile behoben.

Auch wenn wir zwei uns seit rund drei Wochen in der islamischen Republik aufhalten, soll es sich in diesem Beitrag ausschließlich um unsere Erfahrungen und Erlebnisse in Aserbaidschan drehen. Zu Iran wird es selbstverständlich auch ein paar Worte geben – allerdings zu einem späteren Zeitpunkt.

Ich darf vorwarnen: Aserbaidschan wird dabei nicht gut wegkommen. Aber sind wir mal ehrlich, wer hätte etwas anderes erwartet? Was einige vielleicht schon wussten: Seit seiner Selbstständigkeit liegt das Schicksaal des rohstoffreichen Staates in den eisernen Händen der korrupten Familie Aliyev. Von den Öl- und Gasmilliarden fehlt – wie könnte es anders sein - im Hinterland jede Spur. Das überwiegend muslimische Land ist zu großen Teilen flach. Steppe steht auf dem Programm. Es ist heiß. Was man vielleicht nicht weiß bzw. nicht erwarten würde: Die Bevölkerung ist trotz Jahrzehnten in der UdSSR und bestens gefüllten Wodkaregalen arschkonservativ. So konservativ, dass man die verbleibende Zeit im Land auf ein Minimum reduzieren möchte. Nach einer Woche Aserbaidschan ist die Ankunft im Gottesstaat eine kulturelle Wohltat.

Von Tiflis bis zur Grenze ist es nur ein Katzensprung. Bereits hinter den Toren der Stadt gehen die letzten Ausläufer des Kaukasus in eine gähnende bis Iran reichende Ebene über. Für uns aber eine willkommene Abwechslung; waren Flachetappen in den letzten Wochen eher Mangelware. Trotz des einfachen Terrains und ausreichender Zeit entschieden wir uns aber dagegen den Umweg über die Hauptstadt Baku auf uns zu nehmen. Die Gründe sind simpel: Prunk und Verschwendung reizen uns nur bedingt; genauso wie zweihundert zusätzliche Kilometer durch die Steppe.

Der quirlige Grenzübergang an der roten Brücke war schnell passiert und wie der Zufall es wollte, trafen wir noch am gleichen Tag drei Franzosen, von denen wir Joseph und Antoine bereits in Antalya kennenlernen durften. Relativ schnell war klar, dass keiner von uns heute noch viel Strecke machen wollte. Also wurden zügig die finalen Einkäufe erledigt und gemeinsam ein passabler Zeltplatz gesucht. Solche seltenen Gelegenheiten machen Spaß, da man stets einen Einblick bekommt, wie es andere mit Verpflegung, Zeltplatz und Abendgestaltung handhaben. Selbstverständlich hat man abends zusätzlich einen weiteren Grund gemeinsam noch mehr Bier als ohnehin schon üblich zu trinken – das nur am Rande! Mich verfolgt dabei stets der Eindruck, dass Arne, Pavel und ich auf die meisten anderen Radreisenden wie Glamper wirken müssen. So sitzen wir auf unseren bequemen Campingstühlen und scheuen uns nicht davor mit unserer üppig bestückten Campingküche (viele Gewürze, drei Töpfe, Schneidebrettchen, …) auch aufwendigere Gerichte zu zaubern, während die anderen im Dreck hocken und ein Potpourri aus Süßkram, Chips und Konserven knabbern. Da sind wir gerne Glamper, auch wenn wir hierfür verhältnismäßig viel Krempel durch die Welt kutschieren müssen.

Da wir für die nächsten zwei Tage dieselbe Route verfolgten, ging es im Peloton weiter in Richtung Osten. Dieser Tag wird uns dabei noch lange in Erinnerung bleiben, denn zum Nachmittag hin entwickelte sich ein Sturm, der uns auf dem restlichen Weg mit Spitzengeschwindigkeiten in der Ebene (natürlich unter Volllast) von bis zu 60 Km/h bescherte. Dabei ist durchgehend höchste Konzentration gefragt, denn nicht nur wir, sondern auch abgerissene Äste und Müll werden auf der Fahrbahn beschleunigt und entwickeln sich zu plötzlich auftauchenden Hindernissen.

Apropos Müll. Es gibt in Aserbaidschan keine Mülltonnen! Entweder wird dieser hinterm Haus angezündet, oder man macht‘s auf die neapolitanische Art. Anstelle von Tonnen klotzen die Kleptokraten aus Baku lieber kinogroße Porträts Ihrer selbst in die Landschaft. Zwar konnten wir unseren Müll stets beim Tante-Emma-Laden oder an Tankstellen abgeben. Man muss aber kein Genie sein um sich auszumalen, wo unsere Beutel gerade ihr Dasein fristen.

Durch den Rückenwind erreichten wir früher als gedacht die zweitgrößte Stadt Aserbaidschans. Diese führt leider zu Unrecht den verheißungsvoll klingenden Namen Ganja. Anstatt Sportzigaretten gibt’s einen pompösen Triumphbogen zu Ehren des großen Heydar Aliyev – Gott hab Ihn seelig! –  samt 450 Hektar großem Park, kaputte Straßen, eine mäßig spannende Innenstadt sowie auffallend viele Playstation-Clubkeller. Ja, Playstation-Clubkeller! Natürlich haben wir nur einen kleinen Ausschnitt der Stadt sehen können; dieser hat uns aber fürs erste gereicht.

Hinter Ganja wird es dann zunehmend trockener, leerer und noch eintöniger als ohnehin schon. Auch wenn der Tacho etwas anderes anzeigt: Man hat ständig das Gefühl nicht voran zu kommen, da es kaum Veränderungen im Landschaftsbild gibt. Das ist für zwei bis drei Tage in Ordnung, danach zweifelt man aber an der Sinnhaftigkeit solche oder gar noch längere Wüstenetappen mit dem Fahrrad zurückzulegen. Irgendwann ist selbst der üppige Proviant an Podcasts aufgebraucht.

Nach einem letzten gemeinsamen Abend mit Joseph, Antoine und Fabien trennten sich unsere Wege endgültig. Die drei machten sich in aller Frühe auf den Weg nach Alat, von wo aus unregelmäßig eine Fähre nach Aktau, Kasachstan fährt. Da fällt es schwer neidisch zu sein. Wie ich zwischenzeitlich von Joseph gehört habe, wurde die 1800 Kilometer lange Etappe durch die heiße Steppe nach Samarqand gegen eine 46stündige nichtklimatisierte Bahnfahrt eingetauscht. Vermutlich keine schlechte Entscheidung. Ein Besuch des Iran war für die zwei aufgrund Josephs britischer Staatsangehörigkeit leider tabu.

Aber kommen wir mal zu dem interessanteren Teil des Landes: Den Männern von Aserbaidschan! Hier haben wir positive wie negative Erfahrungen gemacht. Herausragend ist auf alle Fälle die Gastfreundschaft - insbesondere auf dem Land. So fanden Arne und ich kurz hinter Bulduq einen vermeintlich abgelegenen Zeltplatz. Lediglich ein Bauer mit seinen Kühen war zugegen, den wir höflich fragten, ob wir einen verwucherten Grünstreifen als Nachtquartier nutzen könnten. Das war der Startschuss für einen Marathon an Besuchen und Geschenken der Dorfbewohner. Noch während wir mit dem Auspacken beschäftigt waren, kam ein älterer Herr mit einer Schaufel, der sofort begann unseren Zeltplatz von piekendem Unkraut zu befreien. Eine volle Tüte Tomaten und Gurken gab es obendrauf. Allerdings nicht umsonst, denn dafür nahm der gute Mann sich das Recht mehrere Zigaretten lang zu beobachten, was wir da eigentlich genau machen. Das ist verständlich, aber auch irgendwann nervig. Noch während der Nacht muss sich unsere Ankunft in Bulduq herumgesprochen haben. So wurde unser Aufwachen bereits sehnsüchtig von einem sprachlich nicht sonderlich begabten Bulduqer erwartet, der großen Gefallen daran fand, unser gesamtes Morgenritual zu beobachten und kritisch auf Aserbaidschanisch zu hinterfragen. Sein begeistertes Strahlen, als unsere Blicke (wobei meiner ziemlich verschlafenen und leicht erschrockenen ausgesehen haben muss) aufeinander trafen, werde ich wohl nie vergessen. Auch von ihm gab es reichlich Gemüse. Nachdem zwei Herren uns im Anschluss mit Ihrem klapprigen Lada zwei Melonen brachten, versuchte uns noch ein weiterer Herr zu überzeugen eine weitere Nacht in Bulduq in seinem Haus zu verbringen. Selbstverständlich musste sich auch der nette Schaufelmann sowie der Bauer versichern, dass alles bei uns in bester Ordnung ist. Man empfindet in solchen Momenten zum einen große Dankbarkeit; genauso regt sich aber das Verlangen derartige Situationen zukünftig zu vermeiden. Die Tage auf dem Rad sind ereignisreich genug, da muss nicht auch noch der Wildschiss am Morgen zu einem Event für die Dorfgemeinschaft werden.

Das Interesse der Männer ist riesig. Auf der anderen Seite fehlt jedoch häufig das Gespür dafür, wann das Verlangen des Gegenübers nach Aufmerksamkeit ausgereizt ist. Ich würde vermutlich nie soweit gehen jemanden direkt zu bitten sich eine andere, weniger nervige Freizeitbeschäftigung zu suchen. Aber ich kann versuchen es durch eine gewisse Körpersprache zu kommunizieren. Das wurde jedoch häufig nicht verstanden. Besonders wenn sich während der Rast eine Männertraube bildet, die aus Langeweile tuschelnd zuschaut, wie wir uns mit einer kalten Cola erfrischen. Da hilft es am Ende nur die Fahrräder zu satteln und weiterzufahren.

Besonders in den kleinen Dörfern herrscht Trostlosigkeit. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und Zeit ist reichlich vorhanden. Da ist es nur verständlich, wenn die Glamper aus Deutschland genaustens inspiziert werden, gerade weil sich das Leben vornehmlich auf der Straße abspielt. Mehrmals begleiteten uns Obernervies im Supermarkt von Regal zu Regal. Eine absurde Situation. Es ist ja nicht so, als hätten wir keine Lust mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Ganz im Gegenteil! Aber es ist schöner ein interessantes Gespräch zu führen, als von nächster Nähe wie ein Alien angestarrt zu werden. Teilweise verfolgte uns der Eindruck, dass auch intellektuell Welten zwischen uns liegen. Typisches Beispiel: Ein Mann aus einer Traube tippt mit seinem Finger auf mein Schaltwerk. Fragende Blicke. „Ja, das ist ein Schaltwerk…wie lautet denn die Frage?“ Immernoch fragende Blicke. Solch ein tiefsinniger Austausch ist spätestens nach Kette und Klingel zumindest für uns nur noch wenig bereichernd.

Diese Aussagen betreffen aber nur die Männer, denn mit Frauen sind wir während unserer gesamten Zeit in Aserbaidschan kein einziges Mal in Kontakt gekommen. Über Sie können wir nicht viel berichten. Leider. Sie sind vor allem im Süden des Landes kein wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Lebens und mit ihrer Geburt anscheinend dazu verdammt zu Hause zu hocken, zu kochen, zu gebären oder unter den Augen eines rauchenden Schniedels bei 40 Grad die Feldarbeit zu erledigen. Die Frauen pflücken in der Sonne, die Männer verkaufen im Schatten. Diese Erkenntnis hat allerdings einige Tage benötigt in unseren Köpfen anzukommen. Danach schärfen sich die Blicke und man fährt mit anderen Augen durch das Land. Während man die Dörfer und Kleinstädte durchradelt versucht man sie zu finden. Die besten Chancen hat man beim Blick auf die Rückbank in einem der zahlreichen Ladas. Den Blick zum Lenkrad kann man sich schenken.

Es ist selbstredend, dass die zahlreichen Kneipen in Aserbaidschan nur von Männern besucht werden. Die Wodkaregale sind prall gefüllt, Bier und Schnaps gibt es an jeder Ecke. Greifen Frauen hingegen mal zum Glas werden diese von der Herrenfraktion geächtet. Für sich selbst nimmt man jedoch das Recht in Anspruch eine elementare Regel des Islam ignorieren zu dürfen. Sympathisch, oder?

Ich bringe es mal auf den Punkt: Uns haben die ganzen herumlungernden Typen in den letzten beiden Tagen im Süden des Landes nur noch angewidert, auch wenn diese uns gegenüber ausgesprochen nett und hilfsbereit waren. Die allgegenwertige Ausgrenzung bzw. Geringschätzung der Frauen von großen Teilen der männlichen Bevölkerung ist insbesondere im Hinblick auf die sowjetische Vergangenheit des Landes nur schwer erträglich. Man sollte es besser wissen! Da hilft es auch nur wenig, dass die regenreiche Südspitze mit ihrer bis zum Meer reichenden grünen Bergkette und klaren Flüssen durchaus landschaftlich reizvoll ist.

Es sollte klar sein, dass die geschilderten Eindrücke subjektiv sind und keinen Anspruch auf Ausgewogenheit oder Vollständigkeit haben können. Dafür müsste man schon für längere Zeit im Land gelebt haben. (Das gilt natürlich für alles, was hier so über die Monate hinweg geschrieben wird!) Vermutlich geht es in Baku (wie auch in Ganja) wesentlich gerechter zu. Vielleicht kochen ja im hohen Norden zur Abwechslung mal die Männer das Essen, während die Frauen von früh bis spät in Spielunken das Geld verprassen. Welch ein schöner Gedanke...

So viel zu Aserbaidschan. Wer nun glaubt bald bunte Bilder aus Indien zu sehen, den müssen wir leider enttäuschen. Nach langen Überlegungen haben wir unsere Reiseroute  erheblich abgeändert. Und das aus mehreren Gründen: Wie schon geschrieben machen die Spannungen zwischen Iran und den USA/GB wenig Lust, mit einer der wenigen Personenfähren in die VAE überzusetzen. Was aber noch schwerer ins Gewicht fällt: Auf unserem Städtetrip mit Bus und Bahn nach Isfahan und Yazd durften wir sehen, dass die Wüste bereits kurz hinter Tehran beginnt. Die Temperaturen sind widerlich hoch – auch nachts kühlt es kaum ab. Die Versorgungslage ist auf einigen Abschnitten miserabel. Es gibt keine Bäume, die uns zumindest in den frühen Morgenstunden vor der aggressiven Sonne schützen könnten. Auch unabhängig von irgendwelchen Spannungen wäre diese Route nichts, was man als Radfahrer über knapp zwei Wochen hinweg genießen könnte. Ob es in den VAE und Oman anders aussieht, darf bezweifelt werden.

Es sprach somit einiges dafür mit dem Flieger direkt nach Delhi zu fliegen. Hier ergeben sich aber weitere Probleme – wieder politisch und wetterbedingt. Aktuell herrscht in Indien der Monsun und wann der Regen nachlässt, ist schwer zu sagen. Daher hätten wir von Delhi einen Bus in den äußersten Nordwesten des Landes genommen, da es hier normalerweise nicht oder nur kaum regnet und wären dann in Richtung Osten nach Nepal geradelt. Wer die Nachrichten verfolgt hat wird wissen, dass die aktuelle Lage in Kaschmir ebenfalls „kompliziert“ ist. Ein Start in Srinagar oder ein Ritt über den Manali-Leh-Highway sind damit raus aus dem Spiel. Alternative Routen im angrenzenden Himachal Pradesh gäbe es prinzipiell, dies würde dann aber eher einer kleinen Rundtour gleichen. Irgendwie alles nicht so optimal. Daher folgende Entscheidung, mit der wir beide (bisher) durch und durch zufrieden sind:

Am 11. August fliegen wir von Tehran via Istanbul nach Casablanca und werden von dort aus unsere Radtour zurück in Richtung Deutschland fortsetzen. Die genaue Route steht noch nicht fest; vermutlich geht es aber nebst Spanien und Frankreich durch Portugal und Andorra. Unterm Strich dürften bis Deutschland ca. 5000 Kilometer zu bewältigen sein – wesentlich mehr als die aktuelle Planung in Indien/Nepal vorsähe. Das ist sehr gut, denn wir fahren gerne Fahrrad! Zudem sparen wir uns einen zweiten ätzenden Flug mit unseren Rädern.

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Kommentar von Karl Burkamp |

Respekt für die Entscheidung. War bestimmt nicht leicht. Sagt Bescheid falls ihr Ende Oktober in der Provence vorbeifahrt:-)

Antwort von Manuel Wassenberg

Och, so schwer war das nun auch nicht :) Sind voller Vorfreude auf Bier, Tapas, Radwege und erträgliche Temperaturen! Melde mich, wenn wir in der Ecke sind!