Bei Kaiserwetter durch Deutschland

von Manuel Wassenberg

Nach knapp 700 gefahrenen Kilometern melden wir uns wohlbehalten aus der Landeshauptstadt Bayerns zurück. Es war ein traumhafter, wenn auch durchaus anstrengender Auftakt der Reise. Traumhaft, da sich unser Deutschland in den vergangenen Tagen bei nicht geahntem Kaiserwetter von seiner schönsten Seite zeigte. Anstrengend, da wir bis auf wenige Ausnahmen mit Gegenwind zu kämpfen hatten.

Nach Abschieden von Freunden und Familie in Lintorf und Einbrungen fuhren wir zeitig in Düsseldorf los und folgten dem Rhein in Richtung Süden. Eigentlich hatten wir uns fest vorgenommen, es die ersten Tage „ruhig“ angehen zu lassen um Beine und Hintern langsam an die bevorstehende Dauerbelastung der nächsten Monate zu gewöhnen – mit anderen Worten: maximal 100 Kilometer zu fahren. Da uns jedoch Pavel den ersten Tag mit seinem Rennrad begleiten wollte und zufälligerweise David und Ike in unserem Ferienhaus im Westerwald einen Kurzurlaub verbrachten, peilten wir dieses als erstes Etappenziel an. Motivierend war auch der Gedanke mit kühlem Bier, heißer Dusche und vorgeheiztem Grill empfangen zu werden. Damit verbunden war aber auch eine zurückzulegende Strecke von 144 Kilometer und zwei zackigen Anstiegen von Rhein- und Wiedtal aus hinauf zum Ferienhaus!

Die letzten 50 Kilometer waren zäh und sichtlich geschafft (aber auch ein wenig stolz auf die erbrachte Leistung) erreichten wir die kleine Wohlfühloase, in der wir aufgrund des genialen Wetters prompt einen weiteren Tag blieben.

Von Kurtscheid aus fuhren wir über Koblenz wieder rheinaufwärts bis kurz vor Bingen, wo wir auf einem Campingplatz unsere erste Nacht im Zelt verbrachten. Die Fahrt durch das malerische Mittelrheintal hätte schöner nicht sein können. So waren wir bei weitem nicht die Einzigen, die das geniale Wetter nutzten um zu Radeln und Flanieren, am Rhein zu Grillen oder die herrlichen Ausblicke auf Weinberge und Burgen zu genießen. Die ganze Szenerie erinnert weit und breit an eine heile Welt, wie man sie aus Miniaturwunderländern oder alten Heimatfilmen kennt. Schönes Deutschland!

Abseits hiervon kamen am zweiten Tag bereits die ersten Zweifel an der Reisetauglichkeit von Arnes Fahrrad. Im Gegensatz zu meinem erprobten Stahl-Panzer mit vier Packtaschen und einer querliegenden großvolumigen Gepäckrolle fährt Arne mit einem etwas stabilerem Rennrad, an dem lauter kleine Gepäcktäschlein angebracht sind. Zwar konnten wir das gemeinsam genutzte Reisegepäck gewichtsmäßig gut verteilen, jedoch ist Arne damit bis zum oberen Anschlag beladen und notwendige Einkäufe müssen damit bei mir verstaut werden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass spätestens bei Erreichen wärmerer Länder die Wasserversorgung (Trink-, Koch- und Spülwasser) aber auch von Nahrungsmitteln bei längeren Etappen ein Problem darstellt. Auch stört es bei jedem Herauskramen von Sonnencreme und Co. „Wiedereinräum-Tetris“ zu spielen. In den darauffolgenden Tagen konkretisierte sich daher Arnes Idee, auf ein anderes reisetauglicheres Rad umzusatteln. Dazu aber gleich mehr.

Ab Bingen verließen wir den Rhein und fuhren auf direktem Wege nach Heidelberg, wo wir die Gelegenheit hatten bei Niclas und Joana unterzukommen. Da Arne das schöne Heidelberg nicht kannte, war ein Besuch der Innenstadt selbstverständlich Pflicht. Unsere schmerzenden Füße und müden Körper beschränkten den Stadtrundgang durch die langgezogene und nicht enden wollende Altstadt aber auf das absolute Minimum.

Da es bei der Reise nicht darum geht möglichst auf kürzestem Wege von A nach B zu pedalieren, sondern auch um gute Freunde und neue Orte zu besuchen, stand am nächsten Tag ein Besuch bei Matthias und Katha in Stuttgart auf dem Programm. Das verlockende Angebot bei einem herrlichen Abendessen im gemütlichen Gästezimmer noch eine weitere Nacht zu bleiben und am nächsten Tag Stuttgart und die Frühlingswasen zu besuchen, wurde ohne großes Zögern von uns dankend angenommen. Eine gute Entscheidung – war Stuttgart in unseren Köpfen bis dato eine hässliche Arbeiterstadt. Darüber denken wir nun anders.

Bei Abfahrt aus Stuttgart kam nach einer langen Zeit der Ungewissheit schließlich von Pavel die gute Nachricht einige Zeit ab München mit zu radeln. Dies hatte zur Folge, dass zügig einige Überlegungen angestellt und Entscheidungen getroffen werden mussten. Ergebnis: Pavel bringt aus Aachen ein reduziertes aber flatsch-neues Fahrrad mit, welches Arne im Internet gekauft hat. Einige Taschen kann sich Arne von Pavel leihen; noch benötigte Vorderradtaschen wurden heute in München gekauft. Da wir ab München zu dritt fahren, wird das bestehende Platzproblem nicht mehr so stark ins Gewicht fallen. Bei der Rückreise aus Italien nimmt Pavel schließlich Arnes Rennrad mit nach Hause.

Problem gelöst? Hoffentlich! Natürlich hat der Kauf ein ordentliches Loch in die ohnehin schon schmale Reisekasse gerissen. Von daher ist ab jetzt nun umso mehr Sparsamkeit angesagt! Die Investition wird sich aber auf lange Sicht durch mehr Freunde bei der ohnehin schon entbehrungsreichen Reise auszahlen – sowohl bei dieser, wie auch zukünftigen Reisen mit dem Fahrrad.

Die Fahrt von Stuttgart nach Krumbach zu Oli und Erika verlangte wieder einiges von uns ab. Zwar ließ uns der nervige Gegenwind bis Geislingen ein Stück weit in Ruhe und damit zügig einige Kilometer abreißen. Danach wurde es aber wieder zäh, sodass wir erst abends und ziemlich geschlaucht bei Oli vor der Tür standen. Gegen halb 12 konnte ich schließlich trotz cooler Gespräche über vergangene Zeiten nicht mehr meine Augen offenhalten. Der Körper ist leider nicht vergesslich.

Auf der letzten Etappe nach München blas ein herrlicher warmer Fön von den fast durchgehend am Horizont sichtbaren Alpen – aus Sicht des ambitionierten Reiseradlers auf dem Weg nach Südost allerdings sehr ungünstig. Ohne große Pausen erreichten wir schließlich München und damit unser erstes größeres Zwischenziel. Die Fahrt durch das Alpenvorland war Idylle pur.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass uns in unserer ersten Woche durch die Republik mit Ausnahme von herrlichem Wetter und viel Sonnenschein radfahrtechnisch nichts geschenkt wurde. Jeder Kilometer musste schweißtreibend ertreten werden. Wollen wir uns beschweren? Keinesfalls. Wir sind dankbar für die geniale erste Woche und freuen uns nun auf die Alpen und das sonnige Italien!

Wie geht es nun weiter? Da die kommenden Tage in den Alpen unbeständig und kühl werden, möchten wir möglichst zügig den Hauptkamm überqueren. Daher wird uns unsere Route voraussichtlich über Mittenwald, Innsbruck und danach über die alte Brennerstraße nach Südtirol führen. Nächstes größeres Ziel ist damit Rom.

Abschließend gilt unser Dank den vielen netten und großzügigen Menschen, die zwei erschöpfte und stinkende Radler mit heißen Duschen, Speis und Trank und einer schönen Zeit versorgten!

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