Bisiklet Almanya-Türkiye!

von Manuel Wassenberg

Die vielen Erlebnisse und Eindrücke der letzten drei Wochen in der Türkei in einem kurzen Bericht zusammenzufassen fällt schwer. Das Land ist einfach ausgesprochen groß, landschaftlich enorm abwechslungsreich und gesellschaftlich vielfältig.

Landschaften_TR

So begann unsere Fahrt an der europäisch wirkenden Mittelmeerküste, wo wir uns bei quälend hoher Luftfeuchtigkeit durch die liberalen Touristenhochburgen sowie die grünen bananenbewachsenen Steilküsten mühten. Danach führte unsere Strecke uns bei rapide ansteigender Kopftuchdichte weg vom Meer in das bergige Ostanatolien, durch wüstenartige Landschaften und verschlafene Provinzstädte, hinein in die konservativen aber herzlichen Kurdengebiete, wo nach Sonnenuntergang für Frauen anscheinend ein Ausgangsverbot gilt, Mann jedoch mit einer unerwarteten Offenheit von Interessierten angesprochen und eingeladen wird. Zuletzt ging es durch nahezu unbewohnte grüne Hochtäler, in denen dieses große Land, seine Kultur und die Mentalität seiner Einwohner schlagartig durch Passieren der georgischen Grenze endet.

Ich bin ehrlich: Bis zum Erreichen der Türkei war ich sehr skeptisch, ob es nicht ein Fehler sein würde ein zweites Mal das Land von West nach Ost zu durchqueren. War die Fahrt entlang der gefühlt nicht enden wollenden Schwarzmeerküste mit seinen vielen zermürbenden Anstiegen damals ohne Frage interessant und neu für uns und Dank der Begegnungen mit anderen Radreisenden unterm Strich ein unvergessliches Erlebnis. Richtig überzeugen konnte die Türkei im Hinblick auf Essen, Land und Leute jedoch nie. Vorfreude wollte daher bei mir bis zuletzt nicht wirklich aufkommen. Wieso also dann erneut in die Türkei reisen und die lange Fahrt – diesmal entlang der Mittelmeerküste – auf sich nehmen? Waren die drei Wochen damals nicht genug, um sich ein Urteil über dieses Land bilden zu können?

Glücklicherweise nicht, denn die Türkei der letzten drei Wochen war im Vergleich zu 2014 eine überraschend andere. Überraschend positiv – mit einigen Mankos.

Rückblickend führt mir dies wieder einmal vor Augen, dass ein Land stets eine zweite Chance verdient hat. Zu sehr hängt das Urteil über ein Land von gewählter Route, Wetter und menschlichen Begegnungen vor Ort ab. Bei den letzten Beiden muss man einfach ein bisschen Glück haben. Oder etwas passender ausgedrückt: Man darf einfach kein Pech haben.

Nun aber zu Hitze, Bergen, Krach, gutem Essen und jeder Menge Gastfreundschaft:

Entgegen unserer Überlegung bereits hinter Gazipaşa vor der Hitze ins Landesinnere zu flüchten, blieben wir noch bis Mersin an der Küste. Diese hat nämlich (auf den ersten Blick!) einen klaren Vorteil: Man bekommt an fast jedem öffentlichen Strand eine kostenlose Dusche, und kann sich so von Schweiß, Dreck und mehrfachen Sonnencremelagen befreien. Aber nicht nur das! Oftmals bietet sich gleich die Möglichkeit – und das ganz legal - in direkter Nähe zum Strand zu zelten. Also für lau Baden, Duschen und im Anschluss mit einem kühlen Bier und Meeresblick den Abend ausklingen lassen - klingt paradiesisch, oder?

Strand_Tekmen

Leider mussten wir mehrfach die Erfahrung machen, dass die Türken am Mittelmeer ein ausgesprochen lautes Volk sind. Und das am liebsten nachts, ohne Vorwarnung, wenn müde Menschen schlafen wollen. Vier Mal hatten wir den vermeintlich leichten Weg gewählt und direkt am Strand kampiert; jedes Mal wurden wir bis spät in die Nacht durch stundenlanges Getöse wachgehalten. Für uns schlichtweg nicht nachvollziehbar ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der hier die nähere Umgebung beschallt wird. Zwei Beispiele: In Tekmen reisten um Mitternacht drei Familien inklusive Kinder an und bauten ihr Nachtlager in direkter Nähe zu unserem Zelt auf. Anstatt wie zu erwarten noch einen türkischen Looser-Tee zu trinken, ein bisschen zu quatschen und dann schlafen zu gehen, packten zwei mäßig begabte Väter ihre Klampfen aus und probten und sangen bis drei Uhr nachts immer wieder das gleiche, wehleidige Volkslied. Dass in den zwei anderen Zelten Menschen schlafen (wollen) war für Angereisten ersichtlich, aber kein Hindernis. Noch besser war es aber in der darauffolgenden Nacht in Boğsak. Wir hatten einen augenscheinlich ruhigen Zeltplatz neben dem Camper einer vierköpfigen Familie und freuten uns so sehr heute gut schlafen zu können. Nichts da! Wieder gegen Mitternacht wurden links und rechts neben unserem Zelt zwei weitere Lager eröffnet. Die Jungs hatten zwar keine Gitarren, dafür aber jede Menge Bier und den eisernen Willen heute mal einen draufzumachen. Zudem wurde nicht das geringste Bemühen gezeigt auf uns, oder die Familie neben uns, Rücksicht zu nehmen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube die Familien aus Tekmen waren ebenfalls nach Boğsak umgesiedelt. Die lauten Gespräche der Suffköpfe gingen irgendwann nachts im Klang eines Gitarrenduos unter. Danach war für uns klar: Ab jetzt wird nur noch in der Pampa gezeltet. Weit weg von möglichen Störenfrieden.

Alles nur Pech und Zufall in Kaş, Sahilkent, Tekmen und Boğsak? Möglich. Abgesehen von Muezzin-Ruf und Hundegebell lief aber ständig irgendwo laute Musik, in engen Gassen wurde noch nachts nach Lust und Laune gehupt, oder es gab lebhafte Diskussionen vor unserem Hotelfenster. In puncto Beschallung ist man in der Türkei wohl einige Größenordnungen toleranter. Oder rücksichtsloser? Uns hat es irgendwann nur noch genervt. Glücklicherweise war spätestens in den Bergen Ruhe im Karton.

Apropos Berge. Von denen gab es auf unserer Route reichlich. Fast jeden Tag standen mehrere zackige Anstiege und damit zahlreiche Höhenmeter auf dem Programm.

Anstiege

Diese machten Tagespensen von mehr als hundert Kilometern zu einer echten Herausforderung. Bis zum Erreichen von Höhen oberhalb von 1500 Metern wurden wir täglich an den steilen Hängen gegrillt. Am Mittelmeer war die Luftfeuchtigkeit zudem so unangenehm hoch, dass man förmlich im eigenen Schweiß baden geht. Trinkmengen von mehr als 6 Litern und zahlreiche Nackenduschen waren an der Tagesordnung. Pinkelpausen? Nicht nötig. Durch das starke Schwitzen scheint auch die schützende Wirkung der Radlerhosen stark beeinträchtigt zu werden. Wund gefahrene und schmerzende Ärsche sind die Folge. Die abendliche Gefühlslage: Müde und irgendwie ausgebrannt.

Das Ganze hört sich aber schlimmer an, als es ist. (Okay, es war auch manchmal schlimm.) Aber belohnt wurden wir mit langen, kühlenden Abfahrten, dem Blick auf Küste und Meer, den besten kalten Duschen aller Zeiten und vielen eiskalten Getränken, die noch nie so gut geschmeckt haben!

Was ebenfalls die täglichen Anstrengungen ein wenig vergessen ließ: Die türkische Küche! Eintöpfe, Suppen, Salate, Gegrilltes oder Nachtisch. Simpel, aber super lecker! Insbesondere die Kebabs waren eine Wonne: Scharf angebratenes Fleisch, dazu Zwiebeln, Salat und Brot zum Einwickeln. Top! Dass wir damals kurioserweise an der Schwarzmeerküste nur mit langweiligen Linsensuppen in Kontakt kamen ist mir bis heute unbegreiflich. Am fehlenden Hunger hat es sicherlich nicht gelegen.

Tuerkische_Kueche

Etwa auf Höhe Mersins und damit dem Ende der Küste wurde es schnell konservativer und „gesitteter“. Kopftücher wurden die Regel, kurze Hosen verschwanden vollständig aus dem Stadtbild. Und je weiter wir uns in Richtung Osten bewegten, desto rarer wurden auch die für uns so wichtigen Bierverkaufsstellen. So rar, dass wir aus Sicherheitsgründen bei einigen Etappen in den Bergen das tägliche Feierabendbier bereits im Voraus einkauften und tagsüber mitschleppten. Dieser Weisheit musste leider zunächst ein trauriger Abend im heißen und prüden Kale vorausgehen, wo wir auf die Frage nach dem hiesigen Biergeschäft nur mit einem lächelnden Kopfschütteln abgespeist wurden. Nächster Bierhändler des Vertrauens: 60 Kilometer entfernt. Willkommen in Ostanatolien.

Kale

In Elbistan gönnten wir uns nach Gazipaşa und einer anstrengenden Woche wieder einen weiteren verdienten Pausentag. Dabei ist Elbistan so ziemlich der Gegenentwurf zu einem Touristenmagneten: Ein staubig-heißes Provinznest, hässlich, ehrlich. Sehenswürdigkeiten (nimmt man das Wort mal beim Namen) sind bis auf den Hühnermarkt nicht existent. Wer abends auf einen kühlen Drink heiße Ladies kennen lernen möchte, macht am besten einen großen Bogen um Elbistan. Weder das eine, noch das andere ist möglich. Hier gibt es abends nur heiße Drinks. Und Schwänze.

Trotzdem wird uns Elbistan stellvertretend für die Kurdengebiete, ja sogar für die diesjährige Türkeireise in Sachen Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft in bester Erinnerung bleiben. Das lässt nicht über alles, aber vieles hinwegsehen!

Obwohl die sprachlichen Barrieren enorm sind, kommt man ständig mit den Einheimischen in Kontakt. Während der Fahrt durch freudiges Anfeuern, in den Pausen, beim Zelten, beim Einkaufen. Nach dem „Woher? Wohin?“ folgt nicht selten eine Einladung zum Tee und/oder zum Essen. Wird das abgelehnt, dann gibt's auch mal ein Brot, Zwiebeln, Gurken oder Aprikosen als Proviant mit auf den Weg. Persien lässt grüßen. Die „Touristen“ finden in Elbistan keine Postkarten? Kein Problem, dann werden auf Eigeninitiative eben welche ausgedruckt! Was aber das Reisen so schön bzw. angenehm macht sind vor allem die vielen lächelnden Gesichter, die uns tagein und tagaus begegneten. Muffel sind hier rar gesät. Die überwiegende Mehrheit ist einfach nett und gut drauf! Das färbt ab! Die in Europa gängige Gleichgültigkeit bzw. das allgemeine Desinteresse für das Gegenüber scheint weit entfernt zu sein. Seltsamerweise bekamen wir 2014 eine verglichen hierzu ausgesprochen „europäische“ bzw. anonyme Türkei zu Gesicht. Wie unterschiedlich Erfahrungen sein können.

Merhaba

Liegt es daran, dass Weißbrote sich so selten hierhin verirren und damit eine Art „Attraktion“ darstellen? Wie würde ein Einheimischer per Rad die eigene Türkei, Iran oder als Fremder Europa empfinden? Das würde mich wirklich interessieren!

Bevor es weiter in Richtung Georgien geht, noch eine Kuriosität der hiesigen Supermärkte: Da wir uns überwiegend selbst versorgen, standen täglich mehrere Kiosk- bzw. Supermarktbesuche auf dem Programm. In fast jedem Ort findet sich ein Markt der Kette A101, ŞOK oder BIM und wie auch in Deutschland hängen am Eingang Plakate, die über aktuellen Angebote der Woche informieren. Der Unterschied zu Aldi und Co. liegt aber in einer fragwürdigen Verkaufsstrategie. Zunächst einmal fällt auf, dass für den Unentschlossenen im Gegensatz zu Deutschland bereits ein Teil der beworbenen Produkte auf dem Kassenband steht (was hierdurch genialerweise vollständig seine ursprüngliche Funktion verliert). So kann bei Bedarf das Vorratspack Nutella oder das Shampoo im Handumdrehen mitgenommen werden. Die Mitarbeiter haben aber anscheinend auch die Anweisung erhalten den Kunden diese genialen Angebote auch persönlich schmackhaft zu machen, ob sinnvoll oder nicht. Mit mehr oder weniger Nachdruck. Arne war als erster an der Reihe, der in verschwitzter Sportmontur im A101 gekühlten Eistee, Brot und Aufschnitt kaufen wollte. Gekühlten Eistee gab es auch in einzelnen Flaschen, allerdings hätte die sechsfache Menge und damit neun Liter (!) ungekühlter Eistee lediglich das doppelte gekostet. Was ein nicht abzulehnendes Angebot! Da war Arne natürlich ein gefundenes Fressen für die hartnäckige Kassiererin, die weder ein Wort Englisch sprach, noch einsehen wollte, dass dieses Sonderangebot für uns heute eher ungeeignet ist. Und das obwohl durch die Fenster unsere vollbepackten Räder zu sehen waren! Neun Liter warme Plörre? Wir sind doch keine Pferde! Wenige Tage später war ich einkaufen. Anderer Ort, andere Angebote, diesmal im „ŞOK“! Wieder aufgrund der Mittagshitze durchgeschwitzt. Das aufs Kassenband Gelegte einfach bezahlen und gehen? Nicht mit diesem Kassierer, der ebenfalls sah, dass ich bzw. wir mit den Rädern unterwegs sind. Nach einigen erfolglosen türkischen Erklärungsversuchen am Kassenband, bei denen ich nur „Tavuk“ (dt. Huhn) heraushören konnte, verließ der Kassierer schließlich die Kasse und ich wurde höflich aufgefordert ihn zur Kühltheke zu begleiten. Im Sichtfenster vor mir aufeinandergestapelt: Frische ganze Hühnchen, eingeschweißt, im Sonderangebot. Erst Stille, dann verwirrte Blicke. Was soll man dazu sagen? In seinem Gesicht große Enttäuschung und ehrliches Unverständnis, als ich ihm erkläre heute in der Mittagshitze ausnahmsweise kein Huhn kaufen zu wollen. Aber herzlichen Dank für den Hinweis!

Nach Elbistan fuhren wir weiter diagonal in Richtung Nordost. Dabei passierten wir die Provinzstädte Malatya, Elâzığ, Bingöl und Erzurum. Jeden Tag erwartete uns mindestens eine Passüberquerung, die fast immer zu einer allmählichen Änderung von Vegetation und Landschaft führte. Hinter Bingöl wurde es endlich nach einem langen trockenen Abschnitt wieder grüner und man radelt auf besten Straßen (gilt übrigens für die gesamte Türkei!) durch Hochtäler, in denen es neben ein paar vergessenen Dörfern und zahlreichen Ziegen nicht viel gibt. Nach einem weiteren verdienten Pausentag in Erzurum (und mittlerweile rund 1700 gefahrenen Kilometern innerhalb der Türkei) waren die verbleibenden Tage in diesem riesigen Land gezählt und wir genossen bei angenehm kühlen Temperaturen und einer gewissen Vorfreude auf Georgien die restliche Zeit auf herrlichen Zeltplätzen im türkischen Nirgendwo. Landschaft, Häuser, Vegetation und das ganze drumherum hat mich dabei immer wieder an Zentralasien erinnert. Es fehlen lediglich Yurten und betrunkene Typen mit coolen Hüten.

Erzurum

Dusche

Hochebene

Hochebene2

Bereits die ersten Kilometer auf georgischer Seite zeigen wieder eindrucksvoll, wie unterschiedlich die beiden Länder sind: Aussehen der Bevölkerung, Wohnsituation, Straßenbild und Entwicklungsstand. Bereits ab dem ersten Dorf auf georgischer Seite ist die sowjetische Vergangenheit wieder schlagartig omnipräsent. Die Kommunikation mit Englisch oder Russisch - endlich wieder kein Problem. Weiter ging es nach einer Nacht im überwiegend armenischen Achalkalaki über zum Teil extrem marode Straßen (neben dem Asphalt fährt es sich hier besser!) und Pisten durch die grüne Bergwelt Georgiens in die Hauptstadt Tiflis.

Georgien1

Georgien2

Hier bleiben wir vorerst eine Woche, denn neben ein paar wichtigen Erledigungen (Visa für Aserbaidschan, neue Mäntel für mein Fahrrad, das Zurücksenden nicht mehr benötigter Ausrüstung, etc.) freuen wir uns darauf die Beine hochzulegen, die Franzosen zu treffen, die Tour de France zu schauen und natürlich die georgische Küche sowie diese wunderbare und sehr zu empfehlende Stadt zu genießen.

Wie es weitergeht? Dem Grundsatz nach wie geplant. Aktuell spielen wir jedoch mit dem Gedanken bereits von Iran aus nach Indien zu fliegen. Das Kräftemessen in der Straße von Hormuz hat uns ein wenig die Lust genommen die ohnehin schon komplizierte Fährfahrt in die VAE zu unternehmen. Turkmenistan, Afghanistan und Pakistan sind keine Option. Da bleibt nicht viel übrig. Dazu aber aus Teheran mehr.

Karte

(Weitere) Lessons learned:

  • Die türkischen Verantwortlichen für Lebensmittelverpackungen benötigen dringend  Nachhilfe in Produktion und Design von Aufreißlaschen.
  • Çay (türkischer Tee) ist das langweiligste uns bekannte Nationalgetränk.
  • Wir verbrauchen viel zu viel Plastik.
  • Fermentierter Steckrübensaft (Şalgam) schmeckt wie der Name klingt.
  • Das türkische Standard-Brot (1-Lira-Ekmek) ist ein ganz mieses Brot.

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Kommentar von Horst Andreas |

Hallo Arne, ich verfolge jeden Tag eure Tour. Ist ja echt spannend. Ich wünsche euch weitherin gute Gesundheit und gute Begegnungen und immer genug Luft in den Reifen. Herzliche Grüße Horst