Die letzten Meter

von Manuel Wassenberg

Es ist einige Zeit vergangen, seitdem es Neuigkeiten von der iberischen Halbinsel gab. Die meisten wissen: Wir sind wohlbehalten Anfang Oktober nach Hause zurückgekehrt. Trotzdem soll für mich, für uns, für Euch der Vollständigkeit halber ein wenig von unseren letzten Kilometern auf dem Weg in die Heimat berichtet werden. Selbstverständlich darf bei solch einer Tour zu guter Letzt ein kleines Resümee mit etwas Zahlenspielerei nicht fehlen.

Da wir bis Lissabon der Atlantikküste folgend mit jeder Menge Gegenwind zu kämpfen hatten, zog es uns hinter der Hauptstadt ins Landesinnere. Die eingefahrene ungünstige Wetterlage versprach auch hier Wind aus dem Norden, jedoch hatten wir die Hoffnung, dass Berge und Vegetation das Fahren in Richtung Norden etwas erleichtern würden. Und da unsere Ankunft in Bilbao aufgrund Christinas Besuch genau terminiert war, erschien uns diese Wahl zudem als sicherer, da sich die Streckenlänge nach Vorankommen und Laune (z.B. via Léon oder Burgos) anpassen bzw. verkürzen ließe.

Ab Lissabon folgten wir in groben Zügen dem „Camino Portugués“, der parallel zur Küstenlinie über Santarém, Coimbra, Viseu und Vila Real verläuft und sich danach in das spanische Jakobsweg-Netzwerk nach Santiago de Compostela eingliedert. Immer wieder überholten wir einsame Wanderer, die diese enorme Strecke über Wochen hinweg in ihren Stiefeln zurücklegten. Ob sie zu beneiden sind, wenn sie stundenlang allein durch das portugiesische Hinterland stapfen? Ich bin mir nicht sicher.

Auch wenn es etwas dauert, bis man die stark besiedelte Gegend um Lissabon hinter sich gelassen hat: Danach zeigt sich Portugal von seiner schönsten Seite. Hügelig, grün und durch die vielen Anhöhen ergeben sich immer wieder herrliche Aussichten auf kleine Orte, die von erntereifen Wein- oder Gemüsefeldern umgeben sind. Dabei hat es uns vor allem die Region zwischen den Flüssen Dão (bei Viseu) und Douro (bei Vila Real) angetan. Tiefe Täler, Berge und Wein soweit das Auge reicht. Vergleichbar mit dem Moseltal zur Weinlese bei Kaiserwetter, nur irgendwie mediterraner, imposanter und mit mehr Fernblick. Immer wieder mussten wir anhalten, Bilder knipsen und von den herrlich aromatischen Trauben am Straßenrand naschen. Ein herrliches Fleckchen Erde, dass wir sicherlich noch einmal besuchen werden. Kleiner Tipp am Rande: Wer mal in der Gegend per Rad unterwegs sein sollte, dem sei der neu angelegte und auf einer alten Bahntrasse verlaufende Radweg „Ecopista do Dão“ ans Herz gelegt.

Motiviert durch diese Kulisse kamen wir zunächst gut voran. Zunächst, denn nach fünf Radfahrtagen kam das unerwartete Übel. Ohne Vorwarnung sollte mich ein Hexenschuss für eine Woche vollständig außer Gefecht setzen. Ein Hexenschuss wie aus dem Lehrbuch. Man ahnt nichts Böses und plötzlich ist er da. Nicht den Hauch einer Chance die aufkommenden Schmerzen der verkrampften Rückenmuskulatur durch behutsames Lockern doch noch irgendwie aus der Welt zu schaffen. An Stehen geschweige denn Fahrrad zu fahren war nicht zu denken. Dabei hatten wir – und im Speziellen ich – Glück im Unglück. Der Zornesblitz des Zeus traf mich auf einem zentralen Campingplatz und nicht irgendwo im Grünen. Dank Arne war somit die Versorgung durch Supermarkt und Apotheke gesichert. Nicht nur das: Auch ein kleines Krankenhaus war in der Nähe, sodass ich versorgt durch eine Spritze und reichlich Valium zur Selbstmedikation die kommenden Tage einigermaßen gut in der Horizontalen verbringen konnte. Anstatt Trübsal zu blasen arrangierte Arne sich wie gewohnt schnell mit der neuen Situation.  Langer Schlaf, viel Sonne und kühlende Getränke waren die Säulen seiner Tage. Dazu reichlich Gelegenheit die (neben der elektrischen Fliegenklatsche aus Adana) beste (!) Anschaffung auf der Reise ausgiebig zu testen: Eine simple beschichtete Pfanne, die von nun an zur absoluten Grundausstattung gehört.

Während wir auf eine Besserung warteten, grübelten wir lange darüber nach, wie wir durch unsere Zwangspause noch rechtzeitig Bilbao erreichen könnten. Das Zurücklegen der gesamten Strecke per Rad war in der Kürze der Zeit leider völlig ausgeschlossen. Schließlich trafen wir die Entscheidung per Rad nach Ourense (Galizien) und von dort aus mit einem Mietwagen samt Rädern im Kofferraum nach Bilbao zu fahren. Hierdurch verpassten wir und unsere Räder leider die landschaftlich beeindruckende Nordküste mit ihren vielen Buchten, steilen Klippen und hohen Bergen. Allerdings muss man hier selbst im Hochsommer mit dem ein oder anderen Schauer rechnen. Wir wären vermutlich nass geworden.

Bilbao fühlte sich ein wenig wie Urlaub an: Sightseeing, Kultur, gutes Essen und ein feines Apartment. Eine coole Stadt! Wir besuchten ein paar Küstenorte, San Sebastian und erkundeten ein wenig das Hinterland. Die Tage verflogen und schon bald saßen wir wieder auf den Rädern, kuriert und bereit für das letzte Teilstück zurück nach Aachen.

Hinter Bilbao ging es direkt wieder zur Sache und wir kurbelten uns über den steilen Puerto de Urkiola wieder ein Stück ins grüne Landesinnere. Vorläufiges Zwischenziel: Andorra in den Pyrenäen. Anstatt jedoch für unser Durchhaltevermögen mit Windstille oder gar Rückenwind belohnt zu werden, gab es wieder rekordverdächtigen Gegenwind. An Tag zwei war dann eine Stärke erreicht, bei der wir am liebsten die Räder in den Graben geworfen hätten. Selbst die Ausblicke auf die herrliche alpenähnliche Gebirgswelt können einem in diesem Moment gestohlen bleiben.

Und da alle guten Dinge drei sind, gabs am nächsten Tag obendrauf noch Regen und einen lustigen Magen-Darm-Keim für den gerade Genesenen. Auch die Vorhersage für das Wetter in den Pyrenäen versprach nichts Gutes – mit anderen Worten: Regen, Gegenwind und Unwetter. Tja, manchmal kommt eben einiges Zusammen und man versucht einen Ausweg zu finden. In unserem Fall: Ein Pausen-Durchfall-Tag kurz hinter Pamplona und dem sofortigen Abdrehen in Richtung Norden, Frankreich. Auch wenn man Rückblickend auf solche „Momente der Schwäche“ nicht sonderlich stolz ist, in der Situation sind sie Balsam für die Seele - besonders wenn keine Überredenskünste von Nöten sind, da der Gegenüber schon seit Stunden genau das gleiche denkt.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass solche spontanen Plan- bzw. Richtungsänderungen selten den erhofften Effekt bringen. Dieses Mal war jedoch das Glück auf unserer Seite und es folgte ein ungeahnt schneller Ritt durch Frankreich. Fast eine Woche lang schob uns ein wunderbarer Wind nach Nordost. Selbst kleine Regenschauer und immer kühler werdende Nächte vermochten es nicht die gute Laune zu trüben. Lediglich unsere Route hätten wir rückblickend etwas anders legen sollen, denn auf der Luftlinie zwischen Pamplona und Luxemburg gab es landschaftlich nichts, was uns dauerhaft in Erinnerung bleiben wird. Zu erwähnen ist aber in jedem Fall die hervorragende Versorgung mit bezahlbaren Campingplätzen, den sog. Camping Municipal, welche in einer hohen Dichte im Land verteilt und in zum Teil winzigen Ortschaften zu finden sind. Die Preise für eine Nacht zu zweit im Zelt liegen hier selten oberhalb von zehn Euro. So etwas wünschen wir uns für ganz Europa, schließlich benötigen wir nicht mehr als eine heiße Dusche und etwas fließend Wasser. Gerade im Norden Frankreichs, als das Wetter immer unbeständiger und kälter wurde, waren diese kleinen Campingplätze unsere wohlverdiente tägliche Belohnung.

In den Ardennen wurde es dann aber lausig kalt und nass. Das Problem: Das, was einmal nass wird, bleibt nass. Und so zerrinnt in Windeseile der Vorrat an trockenen T-Shirts und Socken, während sich nasse und verschwitzte Wäsche in den Taschen stapelt. Bis Aachen – so unsere Vermutung – sollten Socken und Co. aber gerade so ausreichen. Einziger Vorteil des Wetters: Bier und Joghurt bleiben den ganzen Tag über herrlich kalt.

In Bastogne erreichte uns dann ein unerwarteter Anruf von Pavel, der uns gerade auf der Vennbahn entgegenkam. Er wollte gemeinsam mit uns in Luxemburg zelten und den letzten Tag mit uns zurück nach Aachen radeln. Oh, armer Pavel! Erst bei Dunkelheit erreichte er sichtlich geschafft unseren klammen Zeltplatz im beschaulichen Ulflingen. War er doch erst am Nachmittag in Aachen gestartet und fast pausenlos die knapp 120 Km durchgeradelt. Ohne heiße Dusche hockten wir in Decken eingerollt und zusammengekauert auf der immer feuchter werdenden Wiese. Es sollte ein schönes Wiedersehen, wenn auch kein langer Abend werden.

Schon als im Iran die Entscheidung getroffen wurde über Land zurück zu radeln, war mir bewusst, dass die letzten Kilometer nach Aachen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit über die Vennbahn verlaufen würden. Schon dort hatte ich eine sehr genaue Vorstellung davon, wie die letzten Kilometer verlaufen würden: Arne und ich rollen bei herrlichem Spätsommer-Wetter nachmittags ganz entspannt und cool in Kornelimünster ein und werden dort begeistert von Freunden empfangen. Gemeinsam würden wir zum Abschluss mit ein paar kühlen Weizen im Biergarten der Bahnhofsvision auf die vergangenen Monate anstoßen. Es ist warm. Es ist schön. Die Stimmung ist ausgelassen. Das perfekte Ende einer wunderbaren Reise.

Am Arsch. Ich weiß nicht, womit wir das verdient hatten. Der Tag begann und endete kalt und nass. Mehrmals musste ich meine nassen Socken gegen dreckige weniger nasse Socken tauschen, denn die Füße waren komplett durchgefroren. Immer wieder fing es an zu regnen. Gekrönt wurde der Tag mit zwei Platten und einem aufgerissenen Mantel. Durch Kornelimünster fuhren wir erst gar nicht. Niemand käme auf die Idee bei so einem Sauwetter einen Fuß vor die Tür zu setzen, geschweige denn mit dem Rad auf die Vennbahn zu fahren. Ziemlich geschlaucht, gefroren aber dennoch froh erreichten wir schließlich Aachen und freuten uns auf eine verdiente Dusche. Ende der Tour.

Rückblickend waren die sechs Monate auf den Rädern wieder ein echtes Abenteuer. Man fährt jeden morgen los und weiß nie, was einen genau erwartet. Klar, nicht jeder Tag kann einmalig, kann ein Abenteuer sein. Manche Tage plätschern so dahin, aber von mindestens genau so vielen werden wir noch Jahre lang erzählen und uns daran erfreuen. Langweilig war es nie. Und obwohl Arne und ich sicherlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wann und wie lange gefahren werden soll, haben wir uns gut arrangiert und einen passenden Rhythmus gefunden, mit dem wir beide leben konnten. Auch wenn ich es vielleicht nicht wahrhaben möchte, aber tief im Inneren bin ich jemand, der sehr schnell in eine Art Rausch verfällt. Ein Rausch in dem Sinne, sich zu sehr an Zahlen zu klammern, möglichst weit zu kommen und an einem späten Nachmittag müde und geschlaucht auf einen hohen Tageskilometerstand zu blicken. Auf einer Karte nachzuvollziehen, wie weit man wieder durch die eigene Muskelkraft gekommen ist. Was für manchen grausam klingen mag, erfüllt mich mit Glück und Zufriedenheit. Zumindest kurzfristig. Pavel ist da von einem ähnlichen Schlag. Dabei vergesse ich häufig die anderen Beweggründe, wieso ich gerne mit dem Rad reise: Das Kennenlernen neuer Orte, Landschaften und Menschen. Das funktioniert jedoch nur, wenn man nicht immer „weiterfährt“. Kennenlernen verlangt Zeit. Ein schöner Strand, eine gute Zeltmöglichkeit, der Supermarkt gleich um die Ecke, aber der Tacho noch zweistellig. Pavel und ich wären vermutlich weitergefahren. Anders mit Arne, der diese Tour an manchen Stellen etwas entschleunigt hat – zu unser beider Wohl. Unterschiedliche Ambitionen können sich also durchaus ergänzen.

Auch wenn wir gerne unsere Tour mit Blick auf den Himalaya beendet hätten: Wir sind froh über die getroffene Entscheidung von Marokko aus den Heimweg angetreten zu haben. Marokko, Spanien, Portugal, aber auch Frankreich haben viel Spaß gemacht. Und ist es nicht das, worauf es letztendlich ankommt? Genau!

 

Zahlen, bitte!

In den nachfolgenden Zeilen soll es ein wenig um Distanzen, Kosten und Gewicht gehen. Häufig wurden wir gefragt, wieviel wir „so pro Tag“ fahren und mit welchen Kosten für solch eine Tour zu rechnen ist. Diese Aufstellung soll etwas Licht ins Dunkel bringen.

Was fahrt Ihr so pro Tag?

Keine einfache Frage. Betrachten wir nur diese Tour, dann wäre eine korrekte Antwort „Irgendetwas zwischen 0 und 171 Km“. Das ist aber wenig aussagekräftig, noch kann man damit gut planen. Daher möchte ich dies ein wenig auseinanderbröseln. Insgesamt haben Arne und ich 10.223 Km innerhalb von 169 Tagen zurückgelegt, was eine durchschnittliche Tagesdistanz von 60,62 Km (2014: 69,8 Km) ergibt. Von den 169 Tagen saßen wir jedoch stolze 60 Tage nicht im Sattel, sondern haben pausiert. Wenn wir also gefahren sind, so sind wir im Durchschnitt 93,98 Km (2014: 100,5 Km) gefahren.

Wie sieht es aber mit Höhenmetern und den Windverhältnissen aus? Welchen Einfluss haben sie auf die zurückgelegten Tageskilometer? Die Antwort scheint zunächst naheliegend: Gegenwind und hohe Anstiege führen zu einer geringeren, Rückenwind und Flachetappen zu einer höheren Fahrleistung. So zumindest die eigene Empfindung. Vergleicht man jedoch die mittleren Tageskilometer sortiert nach Tagen mit Rückenwind, Gegenwind und Windstille, so lässt sich kein nennenswerter Einfluss feststellen. Auch in puncto Höhenmeter lässt sich nicht sagen, dass anstiegsreiche Tage tendenziell mit einer geringeren Kilometerleistung einhergehen. Sichtbar ist lediglich der Einfluss von Höhenmetern und Windrichtung auf die Durchschnittsgeschwindigkeit. Mein Fazit ist daher: Wenn Wind und Topografie viel abverlangen, hat dies kaum Einfluss auf das Vorankommen. Wir fahren dann zwar etwas langsamer, dafür aber umso länger.

Was kostet so eine Tour?

Für diese Reise verließen 7630,- € mein Konto. Darin sind folgende reiseverwandten Kosten enthalten: Nahrung, Hygiene, Unterkunft, Fortbewegung, Sightseeing, Visa, Kommunikation, Reisemitbringsel, Krankenversicherung, Netbook. Nicht enthalten sind eigentlich alle Ausrüstungsgegenstände wie Fahrrad, Zelt, Schlafzeug, Küche, Ersatzteile, Kleidung, etc. Diese besaß ich bereits und hatte diese schon bei anderen Touren genutzt. Bei 169 Tagen ergibt dies durchschnittliche Tagesausgaben i. H. v. 45,- €. Um einen etwas besseren Eindruck der täglichen Ausgaben zu bekommen, lassen sich nun noch einige Positionen abziehen: Visa (250,-), Auslandskrankenversicherung (230,-), Sonderausgaben wie Souvenirs / neues Handy (550,-), Flüge (450,-) und Fähren (215,-). Damit ergeben sich bei mir für Essen, Unterkunft, Hygiene, Sightseeing und andere Kleinigkeiten durchschnittliche Ausgaben i. H. v. 35,- € pro Tag.

Danach hattet Ihr sicherlich kein Gramm Fett mehr am Körper!

Schön wär’s! Mir hat diese Radtour wieder eindeutig vor Augen geführt, dass viel Sport allein kein Garant für purzelnde Pfunde ist. Wer glaubt durch fünf Stunden Radfahren pro Tag einen Freifahrtschein für Kalorienbomben jeder Art zu bekommen, der irrt. Das Problem: Wer viel Sport treibt, hat auch viel Hunger – besonders auf schnelle Kohlenhydrate. Spätestens alle 1 ½ Stunden drohen gerade bei anstrengenden Tagen die Beine mit Leistungsverweigerung. Dann muss schnell nachgelegt werden. Leider sind das – auch bedingt durch die Verfügbarkeit - nur allzu häufig enorme Mengen an zuckerhaltigen Getränken, satt belegten Weißbroten, Fast-Food, Obst, Keksen und Chips. Auch morgens (z.B. reichhaltiges Müsli) und abends (z.B. ein Berg Pasta) werden ordentlich Kalorien getankt. Da bleibt nicht mehr viel zum Abnehmen. Auch scheint der Körper nach einiger Zeit in eine Art „Dauerstress-Modus“ zu schalten. So haben wir auch an bettreichen Pausentagen Hunger und es wird ordentlich zugelangt.

Das Ergebnis ist, dass sowohl Arne und ich ein paar Kilos während der Tour verloren. Von Abmagerung kann da jedoch keine Rede sein! Ich bin mir sicher: Den gleichen Effekt hätte man zu Hause mit einer bewussteren Ernährung schneller und gesünder erreichen können – ohne in die Pedale zu treten!

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