Über die Alpen nach Florenz

von Manuel Wassenberg

Eine weitere anstrengende Woche auf unseren treuen Rädern ist vergangen und so wird es wieder Zeit für einen kleinen Auszug unserer diesjährigen Tour. Wie bereits erwähnt ist Pavel aktuell unser Weggefährte und wird uns voraussichtlich bis Mitte des Monats in den Süden Italiens begleiten.

Während Arne und ich von München in Richtung Alpen pedalierten, reiste Pavel mit sagenhaften acht Umstiegen in Regionalbahnen von Aachen aus nach Kochel an. Gesamtfahrtzeit: über zwölf Stunden. Empfangen wurden wir von ihm am Ortseingangsschild mit einem motivierten Grinsen unter einem frisch rasierten Schnurrbart. In Pavels Gepäck: Arnes neues Rad, Taschen und Ersatzteile.

Die erste gemeinsame Nacht verbrachten wir direkt am See auf einem gemütlichen und super geführten Campingplatz, wobei die Nacht aufgrund des schlechten Wetters, der Höhe und den damit verbundenen Temperaturen definitiv zu den Ungemütlichen gezählt werden muss. Noch in der Nacht musste alles was wärmt an- und umgelegt werden. Ein passender Einstieg, sollten die nächsten Tage bis zum Brenner vor allem nass und kalt werden.

Nachdem wir unser Reisegepäck auf die drei Räder neu verteilt hatten, fuhren wir guter Dinge aber mit stetem Blick auf den grauen und regnerischen Himmel in Richtung Inntal los. Unterm Strich ein ziemlich zäher Tag, da wir öfters aufgrund einsetzender Schauer, dem An- und Ablegen von Regenjacken oder kalter Finger pausieren mussten. Aber wie heißt es so schön? „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung!“ Die Urheber dieses bescheuerten Klugscheisser-Spruches hätte ich gerne das ein oder andere Mal bei unseren Radtouren dabeigehabt. Entweder man geht unter der Regenjacke ein wie in einer Dampfsauna, oder man wird nass und friert sich den Hintern ab. Am Ende ist man immer nass und spätestens bei der nächsten Pause wird es kalt.

Auf der Passhöhe des Zirler Berges angekommen ging der Regen dann schließlich in Schnee über, weshalb wir so schnell wie möglich in das wesentlich tiefer gelegene und (so die Hoffnung) wärmere Inntal abfahren wollten. Das sollte uns auch gelingen. Nicht ohne Grund warnten hier mehrere Verbotsschilder für Fahrräder vor der Weiterfahrt – die wir selbstredend missachteten. „Belohnt“ wurden wir dafür mit einer unvergesslich steilen Abfahrt, die unsere Bremsen bis aufs äußerste auf die Probe stellte. Alle waren unten angekommen sichtlich erleichtert ohne Stürze auf der nassen Fahrbahn bei regem Verkehr überlebt zu haben.

Entgegen unserer Hoffnung war es aber auch im Inntal sehr kalt und regnerisch. Obwohl sichtlich erschöpft und durchfroren verscheuchte uns ein grimmiger kehlkopfloser Angehöriger des hiesigen Campingplatzes aus dem beheizten Waschraum. Wie Penner hockten wir im Anschluss vor unserem laufenden Benzinkocher unter einem schützenden Vordach. Dass wir rückblickend die kalten Tage in den Alpen ohne Erkältung überstanden haben, gleicht einem Wunder. Ich kann es mir nur durch die zahlreichen nahrhaften Feierabendbiere erklären, die uns allabendlich mit neuer Kraft versorgen. Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass Kiwis und vor allem Bananen (sofern ungespritzt) fortan mit Schale gegessen werden. Unbedingt probieren - Eure KollegInnen und Bekannten werden Augen machen!

Nach einer weiteren kalten Nacht machten wir uns mit gemischten Gefühlen auf, um über die alte Brenner-Passstraße den Alpenhauptkamm zu überqueren. Die Wettervorhersage versprach an der Südseite wesentlich besseres Radfahrwetter. Bis zur Passhöhe auf „nur“ 1370 Metern musste das Prozedere des vorherigen Tages wiederholt werden. Bei Anstiegen Regenjacken und Handschuhe ausziehen, bei flacheren Abschnitten oder kurzen Abfahrten wieder anlegen. Nach dem obligatorischen Foto auf der Passhöhe ging es sofort abwärts.

 

So schnell wir an Höhe verloren, desto wärmer und besser wurde das Wetter auf der italienischen Seite. Über fantastisch angelegte Radwege fegten wir bei starkem Rückenwind das Tal hinab. Ein wahrer Genuss. Dieser lang ersehnte Rückenwind sollte uns glücklicherweise auch am nächsten Tag treu bleiben. Bei genialstem Wetter heizten wir über diese „Radautobahnen“ durch die malerische Landschaft Südtirols.

Verdient und fair, bedenkt man wie viele Tage wir zuvor mit Gegenwind zu kämpfen hatten. Ziemlich erschöpft aber zufrieden schlugen wir nach 135 Km kurz hinter Trento nach Rücksprache mit einem leicht verwirrten Winzer unsere Zelte zwischen seinen Rebstöcken auf.

Da bisher keiner von uns den bei Deutschen so beliebten Gardasee kannte, planten wir unsere Route über das Ostufer des Sees. In der Tat - ein wunderbarer See mit herrlichen Ausblicken auf die umgebenden Berge! Teilweise kitschig schön. Das Baden im See ist zu dieser Jahreszeit aber eher mit Neopren- oder Trockenanzug zu empfehlen. Während Arne und Pavel es heldenhafte zwei Minuten im Wasser aushielten, musste ich bereits nach wenigen Sekunden den Rückweg zum rettenden Ufer antreten. Die Kehrseite ist aber (wie bei fast allen schönen Orten), dass der See fest in touristischer Hand ist. Dies ließ bereits die verstopfte Zufahrtsstraße nach Riva vermuten.

Nervig sind hier vor allem einige der vielen Motorradtouristen, die mit Ihren leergeräumten Endrohren ihre Überlegenheit demonstrieren wollen und beim Überholen in den Gallerien um den See ordentlich neben uns aufdrehen. Muss da wohl jemand etwas kompensieren? Die Italiener hingegen können wir (bisher) nur loben. Das Land ist durchsetzt von Rennrad-Enthusiasten, dementsprechend wird beim Überholen stets auf Radfahrer Rücksicht genommen. Nicht selten wird man aus offenen Beifahrerfenstern angefeuert. Überall wo es steil hinauf geht, begegnet man drahtige Helden die sich voller Inbrunst die Kehren nach oben schrauben.

Ab dem Südufer waren die Berge endgültig passé und man erreicht die wenig spektakuläre Po-Ebene. Da die Sprintetappe Pavels Knie schwer zugesetzt hatte, suchten wir früher als vorgenommen am Südufer des Pos einen abgelegenen Zeltplatz. Nach Überqueren der Brücke bogen wir in den erstbesten Feldweg ein und erkannten darin die ideale Möglichkeit für die Suche nach einem Nachtquartier. Die Velos schon über eine Düne geschoben und langsam über den geeigneten Schlafplatz nachdenkend begann seltsames zu geschehen: An diesem vermeintlich einsamen Ort begannen auf einmal Herren aus allen möglichen Ecken und Sträuchern immer wieder aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Schon langsam ahnend an welchem Platz wir uns da befanden, klärte uns dann endlich einer der interessiert wirkenden Jungs auf. Wir waren an einem Schwulentreff, an dem den Abend über die schützenden Dünentiefen für romantische Zweisamkeiten genutzt werden. Das hatten wir uns anders vorgestellt. Wir überlegten nicht lange, nahmen die Räder in die Hand und machten die Fliege. Ein paar Kilometer später fanden wir schließlich einen tatsächlich verlassenen Ort. Von einsamen nach Liebe suchenden Herren keine Spur. Gute Nacht.

Nach Bologna mussten aufgrund des nicht besser werdenden Knies für die erste Apennin-Überquerung die Räder getauscht werden. Arne übernahm nun sein neues Rad samt voller Montur, sodass Pavel zur Schonung mit dem wesentlich leichteren Rennrad fahren konnte. Trotz dieser Umstellung, einem unter Schmerzen extrem unrund tretenden Pavel erreichten wir Florenz, wo wir uns nach acht Radfahrtagen einen Pausentag verdient haben. Unabhängig von müden bzw. schmerzenden Beinen ein gutes Timing - wäre Radfahren bei diesem Wetter keine Wonne gewesen.

Die weitere Route steht noch nicht ganz fest. Klar ist, dass wir über Rom fahren werden. Danach peilen wir Brindisi an. Ob und inwieweit wir uns durch die Berge quälen werden, müssen wir ein wenig vom Knie abhängig machen. Nächste Woche wissen wir mehr.

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Kommentar von Walburga Fleermann-Dörrenberg |

Hall Manu! Mit großer Freude habe ich alles Zeile um Zeile gelesen ! Doppelte Freude! Zum einen, dass es euch gut geht! Zum anderen ein guter Vorgeschmack auf unsere Reise über Pässe via Südtirol! Herrlich! Bald trefft ihr euch in Athen! Bis dahin weiter so gute Fahrten! Einen lieben Gruß aus lilidorf! Deine Walli

Kommentar von Ursula Wassenberg |

Halllooo, hab alle Berichte gelesen und bin begeistert

Kommentar von ursula wassenberg |

Weiterhin gute Fahrt. Wir erwarten euch im sonnigen Kifissia