Von Ost nach West

von Manuel Wassenberg

Seit unserer Einreise in den Iran sind mittlerweile ganze sechs ereignisreiche Wochen verstrichen und folglich wird es wieder höchste Zeit ein Lebenszeichen von uns zu geben! Gerne hätte ich früher die ein oder andere Zeile auf staubspuren geschrieben, doch obwohl wir reichlich Pausentage in Teheran zur Verfügung hatten, war immer etwas los oder Wichtiges für die Weiterreise zu organisieren. Nun gut - besser so, als Däumchen drehen!

Wie man dem letzten Beitrag entnehmen konnte, hielt sich unsere Trauer durchaus in Grenzen, als wir in Astara endlich einen aserbaidschanischen „Ausreisestempel“ in unseren Pässen wiederfinden durften. Vorausgegangen war jedoch viel Warterei, das Durchleuchten unseres gesamten Gepäcks und sehr strenge und prüfende Blicke eines grimmigen Grenzbeamten, der -so meine Vermutung - wohl gerne etwas Beanstandungswürdiges gefunden hätte. Besonders mein Pass war von besonderem Interesse und so musste mehrfach telefonisch irgendetwas Wichtiges überprüft werden, bis schließlich der ersehnte Stempel von einem Kollegen vorbeigebracht und im Kissen getränkt werden durfte. Am letzten Grenztor aber erneute Ernüchterung - hatten uns die ach so akribischen Spezialisten am ersten Posten einen zweiten Einreisestempel verpasst. Also unter Geschrei zurück zu Grumpy, der dann ausgesprochen professionell mit einem Kugelschreiber den Pfeil im Stempel umdrehte. Jetzt hatte für den Schreihals am Tor alles seine Ordnung und Richtigkeit. Auf Nimmerwiedersehen.

Aber: Geteiltes Leid ist halbes Leid! Fast zeitgleich erreichten auch die beiden Brüder Peter und Thomas aus Stuttgart den aserbaidschanischen Grenzposten auf dem Weg in Richtung Iran. Da auch sie mit ihren Rädern unterwegs waren, wurden wir prompt als Gruppe abgefertigt. Somit gab es genug Zeit sich über das Woher und Wohin sowie über die ebenfalls blendenden Erfahrungen im schönen Aserbaidschan auszutauschen. Auch bei ihnen floss keine Träne, als wir schließlich gemeinsam den Grenzfluss überqueren durften.

Die Einreise nach Iran war ebenfalls chaotisch, dafür aber sehr schnell, freundlich und „direkt“. Mit einem „Germany?! We love Adolf Hitler!“ und „Welcome to Iran!“ samt Lächeln bekamen wir unsere Pässe wieder ausgehändigt. Etwas irritiert nahmen wir diese an uns und lächelten auch leicht verschwitzt. (Um es gleich aufzuklären: Seltsamerweise sollten wir noch erschreckend häufig derartiges aus den Mündern von zugegebenermaßen eher mäßig gebildeten Herren zu hören bekommen. In der Regel fielen nach dem Preisgeben der deutschen Herkunft in einem Rutsch die Namen Adolf Hitler (samt diffuser Liebesbekundungen!), Gerd Müller, Jürgen Klinsmann oder Jürgen Klopp. Wenn die Vier davon wüssten in einem Atemzug genannt zu werden…! Man merkt aber schnell, dass es hier einzig darum geht das eigene kaum vorhandene „Wissen“ über Deutschland kundzutun und letztendlich Sympathien beim Gegenüber zu wecken. Gut, das geht zugegebenermaßen in die Hose. Wenn man dann mal nachhakt ist klar, dass von Holocaust und Co. eigentlich keine Kenntnis vorhanden ist.)

Um das unübersichtliche Grenzgelände verlassen zu können kam uns plötzlich der hervorragend englischsprechende Reza zur Hilfe und schon begann auf den ersten Metern beispielhaft das, was das Land im Grunde so interessant und reich macht: Die Iraner selbst! Man ist keine fünf Minuten im Land und schon findet man sich in Gesprächen über Trump und Co., Sanktionen, die Lage am Golf oder die prekäre wirtschaftliche Situation der Bevölkerung wieder. Eines muss klar sein: Nicht mit jedem kann und will man über Politik oder Gott und die Welt sprechen (dazu gehören zum Beispiel die wirren Hitler-Fans). Aber es ist auffallend und erwähnenswert: Im Gegensatz zur Türkei und Aserbaidschan gibt es im Land eine große sich zu erkennen gebende, gut ausgebildete Schicht junger, sympathischer und weltoffener Menschen die langfristig auf eine bessere ökonomische und vor allem freiere Zukunft hoffen – notfalls auch außerhalb des Gottesstaates.

Da der Grenzübertritt länger dauerte als geplant und neben einer SIM-Karte noch iranische Rial besorgt werden mussten, entschlossen wir uns gemeinsam mit Peter und Thomas unsere erste Nacht im iranischen Astara zu verbringen sowie Geldtausch und Kartenkauf gemeinsam zu erledigen. Das ist leichter gesagt als getan, denn für die Iranreisenden beginnt bereits beim Geldwechsel die erste gewöhnungsbedürftige Kuriosität und Hürde. Da der Iran vom internationalen Zahlungsverkehr abgekoppelt ist, sind Kreditkarten weitestgehend unnütz – Devisen (Dollar oder Euro) müssen somit für den gesamten Aufenthalt in Bar mitgebracht werden. Die erste Hürde ist dabei (wenn man sich nicht gerade in Teheran aufhält) den relevanten Wechselkurs des Schwarz- bzw. Graumarktes in Erfahrung zu bringen. Idealerweise macht man dies vor der Einreise, da man sonst einen funktionierenden VPN benötigt, um die gesperrten Internetseiten zum Wechselkurs zu öffnen. Mit neuen 100-Dollarnoten (die schönen mit dem blauen Streifen, die anderen sind nur 99 Dollar oder je nach Laune auch mal gar nichts wert) geht es dann zum Händler des Vertrauens. Für einen Dollar gab es im Juli ca. 120.000 Rial. Das ist fast vier Mal so viel wie noch 2014! Den Wert bzw. das Wort „Rial“ benutzt aber (mit Ausnahme von großen Supermärkten) im alltäglichen Umgang niemand. Man streicht stattdessen eine Null und nennt das Ganze dann Toman. 120.000 Rial sind also 12.000 Toman. Da aber auch kleine Einkäufe in Toman große Summen ergeben, streicht man manchmal zusätzlich drei weitere Nullen, nennt die Summe aber weiterhin Toman bzw. lässt das Wörtchen „tausend“ weg. Eine größere Restaurantrechnung i.H.v. 200 „Toman“ sind somit 200.000 Toman und damit 2.000.000 Rial. Bezahlt wird mit Rial. Hört sich leicht an? Wir Holzköpfe haben wieder einige Tage gebraucht um das Prozedere zu verinnerlichen.

Bereits im iranischen Astara scheint (trotz aserbaidschanischer Bevölkerungsmehrheit) die zuvor kennengelernte aserbaidschanische Mentalität ganz weit entfernt zu sein. Es gibt wieder Frauen – zwar stets mehr oder weniger verhüllt und immer noch deutlich in der Unterzahl– aber es gibt sie immerhin! Und auch hier muss man kein Genie sein um festzustellen, wer das Kopftuch aus Überzeugung trägt, oder wer lediglich die Notwendigkeit erfüllt den strengen staatlichen Bekleidungsvorschriften zu entsprechen. Auch für uns gilt von nun an: Jenseits des Radfahrens sind lange Hosen zu tragen, um unsere ausgesprochen erotischen Knie und Oberschenkel vor sehnsüchtigen Blicken zu verdecken. Das ist im Hinblick auf die hohen Temperaturen zwar nervig, im Vergleich zur Bürde der Frauen jedoch ein erträgliches Übel.

Während die Stuttgarter nur eine Nacht in Astara blieben und durchs Landesinnere nach Teheran radelten, gönnten Arne und ich uns einen verdienten Pausentag, auch um uns ein wenig zu akklimatisieren und die vielen neuen (zum Teil aber auch bekannten) persischen Leckereien auszuprobieren. Von Astara führte unsere Route dann stets der Küstenlinie des kaspischen Meeres folgend bis Tschalus, von wo aus das Elbursgebirge bei über 2600 Metern überquert werden musste.

Summa summarum eine ausgesprochen schweißtreibende Angelegenheit und mit Ausnahme des Passes auch radfahrtechnisch nur wenig erquickend. Blicke auf das pisswarme Meer sind selten, die Hauptstraße ist stark befahren und Küste komplett verbaut. Lediglich der Blick auf die grünen Berge entschädigt ein wenig. Aber auch nur ein wenig, denn obwohl die Temperaturen auch tagsüber bei „nur“ rund 30 °C liegen, ist es für Körper und Geist aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit doch eine nicht unerhebliche Belastung. Vor allem, da auch nachts die Temperaturen kaum fallen und auch im Zelt weiterhin Schwitzen angesagt ist. Erholung ist anders. Besonders nervig: Alle paar Kilometer haben die Straßenbauer quer über Fahrbahn und Seitenstreifen Fräskanten in den Asphalt eingebracht, um die Geschwindigkeit der Autos zu reduzieren. Diese sind jedoch für Autos nicht tief genug, um irgendetwas am rabiaten Fahrverhalten zu ändern. Gepäck und Fahrer auf ungefederten Fahrrädern werden hingegen ausgiebig durchgeschüttelt. Da kann einem schon mal der Gedanke kommen, ob Letzteres nicht vielleicht die eigentliche Intention war. Eigentlich unnötig, es gibt genügend Hürden, über die der ambitionierte Radfahrer im Iran springen bzw. fahren muss.

Für die letzte Etappe nach Teheran war noch einmal ein langer Atem gefragt. Nach einer lang ersehnt kühlen Nacht auf 2500 Metern Höhe wollten wir eigentlich über eine Nebenstrecke nach Teheran durch das Skigebiet Dizin fahren. Hierzu mussten wir kurz hinter der Passhöhe erneut ein Nebental hochkurbeln, und hätten von dort aus eine kleine sich nach oben windende Passstraße genommen. In Dizin angekommen wurden wir jedoch vom hiesigen Wächter abgewiesen. Die Straße sei nicht befahrbar, da eine Flanke abgerutscht sei. Zwar hätten wir mit einer Gondel fahren können, das wann und wie war uns jedoch schleierhaft. Also zurück zur Hauptstraße und bei stetem Gegenwind das Tal hinab nach Karaj und im Berufsverkehr in das Mega-Moloch Teheran. Unser letzter (und ein erneut zäher) Radfahrtag in Iran.

Trotzdem ist und bleibt das Radfahren bzw. das Reisen im Iran ein freudiges Erlebnis, denn die Menschen sind ausgesprochen nett, hilfsbereit und (so unser Eindruck) ehrlich. Nie haben wir den Eindruck gehabt bei Einkauf, Ticketkauf oder Essen anders bzw. nachteilig behandelt worden zu sein. Man kommt schnell in Kontakt, sodass am Strand oder im Park kleine Aufmerksamkeiten der Nachbarn nicht lange auf sich warten lassen. Und obwohl es unserer Sicht Normalität sein sollte: Sobald der öffentliche Raum verlassen wird – und hierzu können bereits der Straßenrand, ein Park oder ein Flussufer zählen – werden Kopftuch und lange Hose nur allzu gern beiseitegelegt. Die Gesetze und der Staatsapparat sind das eine, die Bevölkerung und ihre persönliche Auslegung jener das andere. Gerade das macht es so spannend. Es ist schwer zu beschreiben: Da man als Reisender vor allem mit der (relativ liberalen) Bevölkerung in Kontakt kommt, wird das Wissen über die alltäglichen Menschenrechtsverletzungen, das drakonische Strafrecht oder den alltäglichen Polit-Zwist mit dem Westen ein Stückweit aus dem persönlichen Blickfeld gedrängt. Man akzeptiert, dass die Dinge so sind, wie sie sind und widmet sich stattdessen den vielen erfreulichen Dingen, die das Land zu bieten hat. Dieser nötige Opportunismus mag für manche bereits zu weit gehen. Gut, dann bitte auch beim Besuch anderer Länder konsequent sein! Wir können nur einstimmig sagen: Wer das Land von Vorneherein abschreibt, verpasst etwas.

Der Iran sollte jedoch nicht mit der Ankunft in Teheran enden. Im Hostel angekommen trafen wir auf Peter, Thomas und lernten noch am gleichen Abend Markus kennen, der mit seinem Rad eine Rundtour von Deutschland aus ums Schwarze Meer macht. Schnell war ausgemacht, dass Teheran nicht nur für Organisatorisches (Visa, Ersatzteile, Flugtickets…), sondern auch als Ausgangspunkt für die gemeinsame Besichtigung von Isfahan (schön) und Yazd (sehr heiß) genutzt werden sollte – diesmal per Bus und Bahn! Eine entspannte und lustige gemeinsame Woche, an die wir uns alle gerne zurückerinnern werden. Viel Schlafen, viel Essen und wenig Kultur – darüber waren sich alle einig. Am Ende war - so glaube ich - jeder ein wenig betrübt darüber, dass von nun an wieder getrennte Wege genommen werden. Wir flogen nach Marokko, Markus radelte in Richtung Türkei und die beiden Stuttgarter brachen auf, um Gurbanguly und Konsorten einen Besuch abzustatten.

Bevor es aber nach Casablanca und damit in Richtung Heimat geht, zu guter Letzt noch ein paar unschlagbar „faire“ Preise, die das Reisen in Iran a. k. a.  Fairistan auch unter finanziellen Gesichtspunkten zu einem Erlebnis machen:

  •  30 Zentimeter Falafelsandwich zum Selbstbelegen: 0,45 €
  •  Bleifreies Benzin, ein Liter: 0,08 €
  •  Busfahrt Teheran-Isfahan (knapp 400 Km, inkl. Getränk und Kekse): 2,14 €
  •  Bahnfahrt Yazd-Teheran im Intercity (knapp 600 Km, inkl. Getränk, Wasser, Snack): 6,15 €
  •  Frischer Smoothie (je nach Geschmack 0,45 € - 0,75 €)
  •  Nationalgericht (Kebab, gegrilltes Gemüse, Reis, Joghurt, Getränk): ca. 2,50 €
  •  Kugel Eis an der Eisdiele: 0,15 €
  •  Fahrt im iranischen „Snapp“-Taxi: 0,08€/Km

Leider gewöhnt man sich sehr schnell an solch ein (für uns Europäer, nicht für Iraner!) verführerisches Preisniveau und gönnt sich an jeder Ecke ein kaltes Getränk, ein Eis oder kauft im Supermarkt nach Lust und Laune ein. Damit ist nun vorerst Schluss, was nicht zuletzt unsere Bäuche begrüßen dürften. Diese hatten sich erstaunlich gut nach über zwei Wochen radfreier Zeit in Iran „erholen“ können.

Nachdem die Fahrräder verpackt, sämtliche Reisemitbringsel besorgt und wir uns am chaotisch-lauten Teheran auch zugegebenermaßen sattgesehen hatten, waren wir voller Vorfreude nun das nächste und letzte Kapitel unserer Fahrt zu anzutreten. Am 11. August war es soweit. Die Flüge mit Rädern und Gepäck bei unchristlichen Zeiten waren zwar anstrengend; bedenkt man jedoch wie lange die Fahrt mit Auto, Bus oder Rad dauern würde, sind die wenigen unangenehmen Stunden in den engen Sitzen schnell vergessen.

Gottlob kamen nicht nur wir, sondern auch Räder und Gepäck heil in Casablanca an und mit einer ordentlichen Portion Skepsis und Neugier sattelten wir nach einer weiteren Nacht am Flughafen unsere frisch montierten Räder. Wieso Skepsis? Nun, auf den bisherigen Marokkoreisen war das Land stets fordernd. Nicht nur, weil Infrastruktur, Ausstattung oder Entwicklungsstand zum Teil erheblich Europa hinterherhinken, sondern weil man ständig vor Halunken auf der Hut sein musste, die auf verschiedenste Wege versuchen dem Reisenden den ein oder anderen Dirham abzuknöpfen. Insbesondere in den Altstädten (Medinas) der großen Königsstädte oder Chefchaouen musste man sich viele nervige Touts vom Leibe halten und es blieb nicht aus, dass man irgendwo trotz größter Umsicht übers Ohr gehauen wurde. Ist das ein guter Ort zum Radfahren, insbesondere wenn man dick bepackt, unflexibel und damit eigentlich schutzlos die Räder durch die enge Medina schriebt? Wie groß wird der Mentalitätsunterschied zwischen der persischen und der nordafrikanisch-arabischen Kultur sein?

Rückblickend können wir sagen, dass sich unsere Befürchtungen in keiner Weise bewahrheitet haben. Ein Glück! Ganz im Gegenteil: Wir haben Marokko als ausgesprochen entspanntes Radreiseland kennengelernt. Das liegt mit Sicherheit daran, dass die Halunken sich dort konzentrieren, wo sich auch viele Touristen tummeln. Auf dem Land, in den Provinzstädten war von Schleppern keine Spur. Hier begegneten wir vielen netten und hilfsbereiten Menschen. Aber auch in Casablanca, Meknes, Rabat, Chefchaouen oder Tetouan war es für marokkanische Verhältnisse ungekannt stressfrei. Vielleicht gehören wir Freaks (wie so oft) nicht zum Beuteschema – vielleicht liegt es aber auch daran, dass in der Hochsaison genug andere Lämmer in den Altstadtgassen unterwegs sind.

Da die direkte Route an der Küste nach Tanger und damit nach Spanien ein kurzes Vergnügen gewesen wäre, machten wir hinter Rabat einen Schlenker über Meknes und Chefchaouen. Bis Rabat war das Radfahren wieder eine Wonne: Fünfundzwanzig Grad, ein kühler Wind vom Atlantik kommend und kühle Nächte. Besser geht es nicht. Überraschend zudem: Uns begegneten zahlreiche Rennradfahrer, die Straßen waren 1A und im Allgemeinen wurde viel Rücksicht auf uns genommen oder wir wurden vom Fahrersitz aus häufig angefeuert. Ja, sogar Radwege waren plötzlich wieder vorhanden. Sind wir tatsächlich in Marokko? Ja!

Die Freude über diese wunderbaren Temperaturen sollte aber nicht lange anhalten, denn wie bereits von Wetterbericht und Rezeptionist prophezeit, wurde es im Landesinneren wieder glühend heiß. Temperaturen von über 40°C waren die Regel, dazu zahlreiche Höhenmeter. In solchen Momenten fragt man sich zu Recht, wieso zum Henker man nicht einfach an der flachen, kühlen Küste geblieben ist. Wieso haben wie Idioten wieder den mühsameren Weg gewählt? Gut, solche Momente bzw. Tage kommen, aber sie gehen auch wieder, wenn die körperlichen Anstrengungen mit einer kühlen Dusche belohnt werden.

Arne und ich genossen während unserer Zeit in vollen Zügen den hervorragenden marokkanischen Kaffee und Tee, das einfache aber leckere Essen und das ein oder andere kühle Bier. Frisch gepresster O-Saft und Croissants zum Frühstück? Pas de problème au Maroc!

Besonders gefallen hat uns die authentische Stadt Tetouan, die gerne zwischen Tanger und Chefchaouen übersehen wird. Diese werden wir bei unserem nächsten Marokkobesuch definitiv wieder ansteuern. Auch könnte man Tetouan gut in einen längeren Spanienurlaub einbinden, schließlich ist es lediglich eine halbe Stunde Fahrt bis Ceuta oder Tanger. Und damit war unsere Nacht in Tetouan die letzte in Marokko. Europa - mit all seinen bekannten Annehmlichkeiten - war nun zum Greifen nah.

Es ist seltsam aber schön: Obwohl es von Ceuta bis Düsseldorf noch eine ganz Ecke ist, fühlt sich die Einreise nach Spanien und damit in die EU wieder ein wenig danach an, zu Hause angekommen zu sein. Liegt es an der blauen Fahne mit den kreisrund angeordneten Sternchen? Der guten Infrastruktur? Dass sich Lidl und Aldi-Filialen an jeder Ecke finden und praktisch alles, was auch zu daheim geschlemmt werden kann, nun wieder uneingeschränkt zu haben ist? Oder liegt es daran, dass die islamische Kultur, ihre strengen die Gesellschaft durchdringenden Regeln und der damit verbundene Lebensstil nun hinter uns liegt? Schwer zu sagen: Vermutlich von allem ein bisschen. Uns war die Freude auf alle Fälle ins Gesicht geschrieben, als wir ohne Scham in Badehose bei einem kühlen Bier den leicht bekleideten Surfern- und Surferinnen am endlosen Sandstrand bei Tarifa zusehen durften. Oder als wir durch die abendlichen Gassen Sevillas schlenderten, den Straßenmusikern horchten und Männlein wie Fräulein zu gleichen Teilen die mediterrane abendliche Stimmung genossen und sich einander freuten. Wenn die Männer von Elbistan und Aserbaidschan wüssten, was „ihren“ Frauen sowie ihnen selbst dort täglich an Lebensqualität entgeht… Aber Allah wird sich sicherlich etwas dabei gedacht haben!

Obwohl wir nun wieder arme Schlucker sind und uns fortan überwiegend aufs Wildcampen und Selbstkochen beschränken müssen, speisen und trinken wir wieder wie die Könige. Lidl und Co. machen es möglich! Hatten wir nach der Türkei das Kochen ein wenig vernachlässigt, ist nun wieder allabendlich Kreativität gefragt. Duschen mit 5-Liter-Kanistern. Waschlappen. Back to the roots!

Von Tarifa ging es relativ unspektakulär über Cadiz nach Sevilla. Seitdem folgten wir stets der angenehm kühlen Atlantikküste und genießen nun nach zehn anstrengenden Tagen auf unseren Rädern zwei Tage im schönen Lissabon. Wie es genau weitergeht werden wir heute Abend bei einem Gläschen Portwein entscheiden. Entweder wir folgen weiter der Atlantikküste (angenehm kühl, dafür bisher leider sehr „gegenwindig“ und daher anstrengend), um dann ab Santiago de Compostela dem Jakobsweg zu folgen, oder wir biegen bereits vorher ins Landesinnere ab (etwas kürzer, dafür wieder heißer). Am 14. September wollen wir in Bilbao sein, da wir dann einige Tage Besuch aus der Heimat bekommen.

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Kommentar von Horst Andreas |

Hallo Arne, hallo Manuel, ich habe gerade mit großem Interesse euren Bericht gelesen. Ich verfolge eure Reise jeden Tag und wünsche euch weiterhin, dass ihr gesund bleibt und noch viele tolle Sachen erlebt.
Herzliche Grüße vom Bergesweg, Horst

Kommentar von Arne Grubert |

Hallo Horst, es freut mich bzw. uns für das große Interesse. Manuel gibt sich auch immer viel Mühe mit den Berichten, dafür geben sie auch einen guten Eindruck von dem Erlebten wieder.
Grüße zurück an den Bergesweg, Arne

Kommentar von Valeska |

Hallo Jungs, eine lange " Zwangspause " in Porto? Ist etwas passiert?

Antwort von Manuel Wassenberg

Ich durfte vergangenen Freitag erfahren, wieso der "Hexenschuss" heißt, wie er heißt. Schmerzhafte Angelegenheit, kann ich nur sagen! An Stehen, Gehen, geschweige denn Radfahren war erstmal nicht zu denken. Harren seitdem auf einem Campingplatz in Vila Real aus. Die Mittelchen vom Doktor helfen nur bedingt. Es wird aber jeden Tag ein kleines bisschen besser. Bin aber noch weit davon entfernt wieder fit zu sein. Versuchen morgen mal vorsichtig weiter in Richtung Spanien zu radeln, um dann mit der Bahn oder einem Mietwagen nach Bilbao zu fahren. Ist leider kein einfaches Terrain hier. Danach mal sehen...

Kommentar von Rüdiger Schmidt |

Hallo, ein toller Reisebericht, den ich mit viel Interesse gelesen habe. Willkommen in der EU und beglückwünsche Euch zu Eurem Radtour-Abenteuer. Bis bald! Rüdiger

Kommentar von Julia van der Burgt |

Hallo ihr Globetrotter
Deine Berichte sind wie immer exzellent geschrieben. Es ist immer eine Freude, deine erfrischende teils süffisante, aber auch respektvolle Art die durchreisten Länder mit ihren Eigenheiten und der jeweiligen Bevölkerung zu lesen. Mannomann, was ihr alles bereist, gesehen und erlebt hat. Da brauchen normale Menschen fast 2 Leben dafür.